Test 2016: Trailbikes um 4000 Euro Test 2016: Trailbikes um 4000 Euro

Test 2016: Trailbikes um 4000 Euro

Trail-Könige: 8 Carbon Trailbikes um 4000 Euro im Test

Stefan Loibl am 18.01.2017

Von Forststraßen und Wettkampfplatzierungen wollen sie nichts wissen. Erst schmale Pfade kitzeln Höchstleistungen aus den Bikes. Acht edle Trail-Könige um 4000 Euro streiten um die Testsieger-Krone.

(Test aus BIKE 6/2016)   Wir Mountainbiker sind Entdecker und Kinder in einem: Um neue Pfade im Heimatrevier auszukundschaften, werden alte Karten studiert, die Bike-Buddys ausgequetscht und stundenlang Foren-Beiträge gescrollt. Sobald man dann auf unbekanntes Terrain abbiegt, steigen Vorfreude und Puls merklich an. Entspricht der Trail unseren Erwartungen, flutet nach der Abfahrt ein Cocktail an Glückshormonen den Körper, die Mundwinkel zeigen nach oben. Wie ein Kleinkind auf einem neuen Spielplatz. Doch wirklich neue Wege und Pfade wird man in der Betonwüste Deutschland nicht so schnell finden. Zu engmaschig und umspannend ist das Netz aus Asphaltbändern, Photovoltaik-Feldern und Reihenhäusern in der Bundesrepublik. Doch zum Glück stehen dem gegenüber immer mehr frisch angelegte Flowtrails, trendige Trailcenter und 11,4 Millionen Hektar Wald, mit 32 Prozent immerhin ein Drittel der Fläche Deutschlands. Und genau darin verbergen sich die besten Singletrails der Republik, von denen die acht Bikes dieser Testgruppe so abhängig sind wie Autos von Sprit. Warum? Weil die rund 2,3 Kilo schlanken Kohlefaser-Fahrwerke erst zur Höchstform auflaufen, je technischer und schmaler sich der Trail über Wurzeln, Steine und Geländekuppen windet. Und weil Geometrie, Komponenten und Sitzposition nicht auf die Jagd nach Bestzeiten oder meterhohe Bikepark-Stunts getrimmt sind, sondern auf Spaßmaximierung auf Touren und schmalen Wegen. Vorhang auf also für die Trail-Könige der aktuellen Saison.

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Öffnet man die Bremsen und lässt die Trailbikes von der Leine, bricht ihr Spieltrieb durch. Achtung: Suchtgefahr!

Diese acht Trailbikes finden Sie im Test:

• Bergamont Contrail 9.0
• Cannondale Habit Carbon SE (BIKE-Tipp: Testsieger)
• Focus Spine C SL (BIKE-Tipp: Preis/Leistung)
• Giant Anthem SX Advanced 27,5
• Lapierre Zesty XM 527 e:i Shock
• Merida One.Twenty 7.7000
• Rocky Mountain Thunderbolt 750 MSL
• Specialized Camber Comp Carbon

Fotostrecke: Test 2016: Trailbikes um 4000 Euro

Alle acht Bikes unseres Tests bekommt man beim Händler des Vertrauens. Da Trail-Charakteristiken so verschieden sind wie persönliche Vorlieben, haben wir uns von vornherein nicht auf eine Laufradgröße festgelegt. Nur 120–130 Millimeter Federweg und Preise um die 4000 Euro haben wir ins Lastenheft der Testeinladung geschrieben. Specialized schickt mit dem Camber ein ausgereiftes Twentyniner ins Rennen, von Cannondale und Giant stellen sich die ab Werk aufgemotzten Trail-Versionen von Habit und Anthem unserem Labor- und Testmarathon. Als günstigstes Bike im Testfeld rollt das Spine C SL von Focus ins Labor, bei dem 3799 Euro auf dem Preisschild prangen. Lapierre versucht, die Konkurrenz mit dem elektronischen Helferlein E:i-Shock auszustechen. Komplettiert wird der Trailbike-Achter vom Kohlefaser-Tourer One-Twenty von Merida und Rocky Mountains Trail-Blitz Thunderbolt. Acht waschechte Mountainbikes also, die allesamt ein respektables Loch im Geldbeutel hinterlassen, mit denen man sich aber auf keinem Mittelgebirgspfad in Deutschland verstecken muss. Versprochen!

Obwohl wir die Voralpen von München aus direkt vor der Haustür haben, mussten sich die Trailbikes beim Praxistest auf weichem Pfälzer Waldboden beweisen. Drei erfahrene Fahrer, acht Supersportler und eine fordernde Testrunde an der Kalmit mit fünf Kilometern und 150 Höhenmetern. Zu 95 Prozent auf schmalen Wegen – bergab wie bergauf – so, wie es den acht edlen Trail-Königen gebührt. Erste Erkenntnis nach acht Schleifen um den Kalmit-Gipfel: Das gesamte Testfeld bewegt sich auf einem sehr hohen Niveau, oder wie es ein Tester ausdrückt: "Es ist keine Niete dabei." So weit, so gut. Trotzdem hat jedes Bike spezielle Passagen auf der Testrunde, die ihm besonders liegen. Wie uns Bikern auch, denn jeder hat seine eigenen Vorstellungen vom perfekten Trail.

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Voll auf den Trail fokussiert: Die Geometrieverstellung am Rocky macht das Bike breitbandig. 

Auf dem welligen Stück vom Parkplatz weg überzeugt Lapierres automatisch verriegelndes Dämpfer-Lockout. In jedem noch so kurzen Gegenanstieg verkündet ein leises Surren, dass das Federbein gerade selbsttätig schließt, um nur wenige Sekunden später beim ersten Schlag wieder zu öffnen. Auch das direkte Handling des steifen Cannondale-Chassis sticht positiv heraus. In Enduro-Manier lässt sich das Habit SE direkt in Kurven drücken und zirkelt souverän um im Weg liegende Felsblöcke. Anschließend geht es rechts herum in einen schnellen Downhill, in dem spitz aus dem Boden ragende Steine lauern und einige Felsblöcke die Ideallinie versperren. Sobald es ruppig zur Sache geht, blüht der souveräne Spine-Hinterbau am Focus auf. Das Thunderbolt dagegen verleitet mit seinem verspielten Handling zum Abziehen an Geländekanten. Auf dem Specialized erleben wir in dieser Sektion so etwas wie ein Aha-Erlebnis: Denn die großen Laufräder am Camber lassen andere Linien zu, verzeihen Fehler und fühlen sich insgesamt schneller an. Ähnlich der Fahreindruck auf dem Bergamont, wobei aber das groß ausfallende Contrail mit seiner betagten 29er-Geometrie, die den Spieltrieb einschränkt, dafür sorgt, dass das Carbon-Bike die Abfahrt deutlich laufruhiger nimmt.

Über eine Straßenquerung erreicht man den Anstieg, der wieder zurück zum Startpunkt führt. Statt über geschotterte Himmelsleitern, sammelt man auf verblockten Serpentinen-Trails 150 Höhenmeter. Hier schlägt die Stunde des Giants, das sich mit den vier Kilo leichten Carbon-Laufräder geschmeidiger hinaufkurbeln lässt als Specialized & Co., die beim Gesamtgewicht bis zu ein Kilo mehr auf die Waage bringen. Fehlt noch das Merida, das ein echter Allrounder ist. Im Sattel des One-Twentys hätten wir direkt vom Ende der Testrunde zu einer mehrtägigen Pfalz-Durchquerung starten können. Einziger Schönheitsfehler: die fehlende Teleskopstütze, die im Punkte-Ranking für Abzüge sorgt und in so einer Testgruppe einfach dazugehört.

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In Sachen Gesamt- und Laufradgewicht hängt Giant das Rocky Mountain Thunderbolt ab. Beim Handling allerdings nicht.

Handling-Differenzen, Cockpit-Vorlieben und Reifenwahl (wie die Performance-Mischung am Cannondale) hin oder her. Gravierend unterscheiden sich vor allem die Federwege und Antriebe der einzelnen Bikes. Während Habit SE, Lapierre und das Merida-Fully um die 13 Zentimeter Pufferzone zum Untergrund anbieten, stößt beim Rest der Bikes das Fahrwerk bei 120 Millimetern ans Limit. Der Maestro-Hinterbau am Anthem hechelt mit 108 Millimetern der 120er-Gabel sogar hinterher. Doch das unterstreicht die sportlichen Gene des Bikes, das ursprünglich als reine Race-Plattform mit 100 Millimetern konstruiert wurde. Zweites und bei uns schon oft diskutiertes Streitthema ist der Antrieb. Genügen elf Gänge auf der Trail-Hatz durchs Mittelgebirge? Oder muss es das feiner abgestufte Gangspektrum einer Zweifach-Gruppe sein? Am Ende muss das jeder mit seinem Trainingszustand und seinen Oberschenkeln ausmachen. Aber wer auf mehrtägige Höhenmeter-Orgien wie beispielsweise eine Alpenüberquerung schielt, kommt um ein zweites Kettenblatt kaum herum. Denn bei gemäßigtem Speed auf Trails mögen die kleinen 28er-Kettenblätter an Specialized und Cannondale ja perfekt funktionieren. Allerdings ist schnell Schluss, wenn man mit derselben Übersetzung auf einer abfallenden Schotterpiste Tempo machen will.

Und welcher Biker weiß schon, was ihn hinter der nächsten Kurve oder auf der nächsten Abfahrt erwartet? Schließlich weckt erst das Unbekannte das kindliche Endecker-Syndrom in uns. Und die deutschen Wälder sind tief und hüten noch jede Menge Pfade und schmale Wege, die vielleicht der beste Bike-Kumpel kennt.

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Der sportliche Charakter mit Carbon-Laufrädern zieht sich beim Giant durchs Konzept. Der Zusatz SX steht für eine längere Gabel mit 120 Millimetern.

Fazit Stefan Loibl, BIKE-Redakteur:
"Selten habe ich eine Testgruppe erlebt, die durch die Bank auf so hohem Niveau daherkommt. Alle acht Trailbikes sind waschechte, moderne Mountainbikes, die am liebsten über schmale Pfade kurven, gefordert werden wollen und auf Spaßmaximierung aus sind. Ob Wurzelbehandlung auf der Hausrunde, Mittelgebirgs-Tour oder flotte Alpenüberquerung ist dem Fully-Achter um 4000 Euro egal. Auch wenn nach Punkten die besten Bikes aus dem Test aus BIKE 1/16 auf Augenhöhe scheinen und Versender verlockende Alternativen anbieten, führt an Cannondale, Specialized und Focus nur schwer ein Weg vorbei. Denn das Trio überzeugt in Sachen Fahrspaß, Fahrwerk und Ausstattung auf voller Linie.

Stefan Loibl

Stefan Loibl, BIKE Redakteur

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Stefan Loibl am 18.01.2017
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