Metal meets Plastic – das Duell des Jahres: Vier Carbon-Bikes im direkten Vergleich mit der hausinternen Konkurrenz aus Alu. Können die teuren Kunststoff-Bikes dieses Duell dominieren?

Stephan Ottmar am 31.07.2009

„Wer Kunststoff kennt, nimmt Stahl“, mit diesem Satz verweigern sich alte Metaller noch heute dem Fortschritt in Sachen Werkstoffe. Doch die Realität sieht anders aus: Wir schleppen unsere Brotzeit nicht mehr in Blechnäpfen auf den Berg, und wer ein Auto kauft, muss unter der Karosserie nach Metall beinahe suchen. Vom Mixer bis zur Parkbank – der Siegeszug von Kunststoff ist unaufhaltsam. Bei simplen Konstruktionen ist der Griff zum Plastik einfach und effektiv, wer allerdings einen Mountainbike-Rahmen daraus baut, braucht Top-Material und umfangreiches Knowhow. Wir haben untersucht, welche Figur die vier Alu-Versionen von Cannondale Rize, Rocky Mountain Altitude, Scott Genius und Specialized Epic machen, wenn wir sie in Sachen Fahreigenschaften mit einer möglichst ähnlich ausgestatteten Version aus Carbon vergleichen.

Verblüffende Ähnlichkeit

Bei Cannondale und Scott fällt bereits die optische Unterscheidung zwischen den Alu-Modellen Rize 4 und Genius 40 zu den Carbon-Bikes Rize 3 und Genius 30 schwer. Am Rize 4 lassen nicht einmal die Schweißnähte einen sofortigen Rückschluss zu; durch das Smooth-Welding-Verfahren haben sie ihre ursprüngliche Raupenform verloren. Erst bei genauerem Hinsehen fallen organischere Rohrübergänge am Carbon-Cannondale auf. Neben Schweißnähten unterscheidet eine etwas voluminösere Oberrohrkons truktion das Alu-Scott vom Kunststoff-Modell. Auch die beiden Specializeds liegen eng beieinander, aber das Design stößt den Betrachter mit der Nase darauf: Deutlich leuchtet am Unterrohr des Epic Carbon eine Kohlefaserschicht unter dem Klarlack hervor. Einen ganz anderen Weg geht Rocky Mountain. Grundsätzlich sind Rahmenform und Dämpferanlenkung der beiden Altitudes zwar identisch, aber die Formensprache des organischen Altitude 70 RSL schreit einem förmlich entgegen: "Ich bin aus Carbon!" Alles ist wuchtig dimensioniert, zusätzlich wirkt es wertiger und edler. Muss es auch: Wie wäre sonst ein Preisunterschied von 800 Euro zu rechtfertigen, bei einer mageren Gewichtsersparnis von 250 Gramm bei fast identischer Ausstattung? Beim Cannondale Rize 3 Carbon spart man sich zwar fast ein halbes Kilo Gesamtgewicht, allerdings liegt die Ursache
mehr in den Anbauteilen als beim Rahmen, der spart nämlich nur 133 Gramm. Der Preis steigt dafür um schwindelerregende 1250 Euro. Specialized nutzt die Möglichkeiten der Fasern am besten: Sie sparen gegenüber dem Alu-Rahmen immerhin 167 Gramm ein und steigern zusätzlich die Steifigkeit um über zehn Prozent. Damit setzen sie sich deutlich vom Rest des Feldes ab.

Marginale Gewichtsunterschiede: Jedes Gramm ist teuer bezahlt.

Werkstoff-Lexikon: Aluminium

SCHWEISSEN
Ein großer Teil des Knowhows bei Aluminium-Rahmen liegt in der Verbindung der Rohre. Dabei ist immer noch viel Handarbeit nötig. Oft entscheiden die Fähigkeiten des Schweißers über die Qualität eines Rahmens.

HYDROFORMING
Um komplexe Alu-Formen zu fertigen, ist Hydroforming die beste Wahl. Dabei werden Rohre unter sehr hohem Öldruck in eine Form gepresst. Neben der speziellen Formgebung sind erheblich dünnere Wandstärken realisierbar.

NACHBEHANDLUNG
Um durch den Fertigungsprozess entstandene Spannungen zu reduzieren, müssen alle Alu-Rahmen mit Hitze behandelt werden. Passt dabei die Temperatur nicht, ist die Stabilität gefährdet.

Werkstoff Carbon

FASERQUALITÄT
Es gibt bei Carbon-Fasern unterschiedliche Qualitätsstufen. Eher günstig sind die sogenannten HT-Fasern (High Tenacity). Sie sind etwas elastischer als die HM-Fasern (High Modulus), mit denen die steiferen Rahmen gebaut werden – was den Preis allerdings in die Höhe treibt.

PREPREG
Ein Prepreg ist eine gewebte Fasermatte. Die Ausrichtung der Fasern muss an jeder Stelle im Rahmen exakt zu den Belastungen passen.

MONOCOQUE
Wird nicht mit Rohrquerschnitten sondern mit fließenden Formen gearbeitet, spricht man von Monocoque-Bauweise. Das ist teurer, aber meist steifer und stabiler.

Stephan Ottmar am 31.07.2009