Test 2017: Frauen-Bikes zwischen 2500 und 3000 Euro Test 2017: Frauen-Bikes zwischen 2500 und 3000 Euro

Test 2017: Frauen-Bikes zwischen 2500 und 3000 Euro

7 Trail- und All-Mountain-Bikes für Frauen im Vergleich

Gitta Beimfohr am 23.11.2017

Die Blümchenzeit ist vorbei. Frauen-Bikes der neuen Generation sind so ernstzunehmen wie ihre Unisex-Kollegen. Sieben Trail- und All-Mountain-Bikes zwischen 2500 und 3000 Euro im direkten Vergleich.

Was ist eigentlich ein Frauen-Bike? Bei vielen klebt die alte Antwort im Kopf wie Kaugummi im Reifenprofil: irgendwie ein kleines, zu schweres, girly-mäßig angemaltes und nur mäßig ausgestattetes Touren-Bike. Tatsächlich war das ja auch mal so. Eine sportlich ambitionierte Frau hätte sich niemals auf eines dieser knuffigen Geländefahrräder mit dick gepolstertem Damensattel und Blümchendekor gesetzt. Dabei wurden Studien bemüht, die belegen sollten, dass die Körpermaße und Proportionen von Frauen anders seien und dass daher eine spezielle Geometrie nötig sei.


Diese Frauen-Bikes haben wir getestet:

  • Canyon Spectral WMN AL 7.0 EX (BIKE Tipp: Testsieger)
  • Cube Sting WLS 140 SL 27.5
  • Focus Spine Evo Donna
  • Ghost DRE AMR 4 AL
  • Liv Pique SX (BIKE Tipp: Fachhandel)
  • Specialized Camber Comp AL
  • Trek Fuel EX 8 WSD

Fotostrecke: Test 2017: Frauen-Bikes zwischen 2500 und 3000 Euro


Inzwischen ist man von der Idee einer Frauen-Geometrie wieder abgekommen – ob nun wegen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse oder aus ökonomischen Gründen, sei mal dahingestellt. Selbst Scott und Specialized – Vorreiter in Sachen Frauen-Geometrie – verwenden seit ein paar Jahren wieder Unisex-Rahmen für ihre Frauen-Bikes und statten sie nur dort mit speziellen Teilen aus, wo sie anatomisch zweifelsfrei Sinn machen: Sattel, Lenker (Breite), Griffe und Federelemente, die sich auch auf leichtere Gewichte abstimmen lassen. Für kleine Frauen gibt es diese Bikes meist auch zusätzlich noch in Rahmengröße XS. Um also auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Frauen-Bikes sind heute nichts anderes als leicht getunte Unisex-Bikes. Alle? Nein! Da gibt es doch noch eine kleine renitente Bike-Schmiede, die nicht von der Idee ablassen will, dass Frauen mit spezieller Geometrie besser fahren: die noch junge Marke Liv. Bei der kleinen Schwester von Giant sitzen Entwicklerinnen am Werk, die zusammen mit Renn- und Testfahrerinnen an speziellen Geometrien für Frauen feilen. Erst letztes Jahr haben sie zwei neue Bike-Modelle herausgebracht: das Trailbike Pique und das Enduro-Bike Hail – das mit 160 Millimetern Federweg erste Frauen-Enduro überhaupt auf dem Markt. Und wo es keine Konkurrenz gibt, können wir natürlich auch nicht vergleichen. Also haben wir das Hail einem Einzeltest unterzogen (Seite 19). Aber das Pique tritt in diesem Vergleichstest gegen die Trail- und All-Mountain-Konkurrenz an, und wir waren sehr gespannt, wie es sich im Feld der Unisex-Kollegen schlagen wird.

Apropos Testfeld: Das Angebot an Frauen-Bikes ist in den letzten Jahren gewachsen. Kaum ein Hersteller, der keines im Programm hat. Aber in der, laut unserer Leserumfrage 2016, beliebtesten Preisklasse zwischen 2500 bis 3000 Euro kamen nur sieben Fullys in Frage. Und diese ergaben leider keine ganz homogene Testgruppe. So rollen bei diesem Test nun eigentlich zwei verschiedene Kategorien an den Start: fünf Trailbikes mit bis zu 130 Millimetern Federweg und zwei All Mountains mit rund 150 Millimetern Federweg.

Beide Kategorien sind sich theoretisch in puncto Touren-Tauglichkeit aber sehr ähnlich und wildern im gleichen Einsatzgebiet. Alleskönner eben. Leicht genug, um sie bequem bergauf treten zu können und wendig genug für verschlungene Trails bergab. Lediglich der Federweg entscheidet über mehr oder weniger Komfort und Reserven bergab im grobem Gelände. Wer gerne bergab fährt und nicht nur im Mittelgebirge unterwegs ist, sollte lieber das All Mountain dem etwas sportlicheren Trailbike vorziehen. Zumindest in der Theorie. In unserem Praxistest aber kamen wir jedoch zu anderen, teils sehr überraschenden Ergebnissen.

Test 2017: Frauen-Bikes zwischen 2500 und 3000 Euro

Bergab bügelt das Trek Fuel EX 8 mit 145 Millimetern Federweg am Heck und 29er-Laufrädern alle Unebenheiten weg. Bergauf ist man dagegen froh über die zwei XT-Kettenblätter. Das Bike wiegt 14,8 Kilo.

Unser Testparcours: eine Schotter/Trail-Runde im Süden Münchens. Pro Runde gilt es, 130 Höhenmeter mit zwei steilen Schotteranstiegen zu bewältigen. Bergab warten Waldboden-Trails mit Wurzeln, quer liegenden Baumstämmen und unterschiedlichen Kurvenradien. Ein perfekter Parcours, um die Alleskönnereigenschaften eines Bikes herauszukitzeln. Dazu hat es in den Nächten vor unseren beiden Testtagen geregnet. Die Trails waren teils matschig, die Wurzeln rutschig. Ein zusätzlicher Härtetest also für das Handling und die Bereifung der Bikes. Doch über Grip und Fahrsicherheit entscheiden nicht nur die Reifen alleine. Beispiel: Cube. Auf dem Sting rollt Schwalbes Nobby Nic – ein gefälliger Allrounder. Dennoch fühlten sich die Testfahrer auf dem Cube weniger wohl als etwa auf Trek, Canyon oder Specialized. Der Hintergrund: die Geometrie des Stings. Der vergleichsweise kurze Reach und die hohe Front führen dazu, dass Frau instinktiv das Gewicht nach hinten verlagert – dadurch mangelt es bergab an Druck auf dem Vorderrad. Anders etwa beim Canyon: Hier nimmt man automatisch eine zentrale Fahrposition ein. Der Hintergrund: Ein langer Reach und ein flacher Lenkwinkel geben auch vorsichtigen Fahrerinnen Sicherheit und bieten dadurch mehr Grip am Vorderrad.

Fazit: Frauen fahren bergab vorsichtiger. Dadurch tendieren sie dazu, ihren Körperschwerpunkt weiter nach hinten zu verlagern. Gefragt sind an Frauen-Bikes also Geometrien, die auch vorsichtigere Bikerinnen ermutigen, eine sportlich-zentrale Fahrposition bergab einzunehmen. Das bringt Frau mehr als so mancher – gut gemeinte – Flügelgriff oder angeblich anatomisch optimierte Sattel. Vom Blümchendekor mal ganz abgesehen.


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Gitta Beimfohr am 23.11.2017
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