Test Race Hardtails 2017 BIKE Test Race Hardtails 2017 BIKE

Test 2017: Race-Hardtails [Topmodelle gegen Mittelklasse]

11 Race-Hardtails im Rennstrecken-Test

Ludwig Döhl am 06.06.2017

Die Zeiten von sperrigen Race-Hardtails sind vorbei. Die neue Generation fährt komfortabel und wieselt flink um jede Kurve. Aber wie viel muss man für eine reinrassiges Race-Mountainbike investieren?

Spitzensport ist harte Arbeit. Wer am Sonntag auf dem Siegertreppchen ganz oben stehen will, muss sich selbst kasteien. Nudeln abwiegen, mit schmerzverzerrtem Gesicht die Oberschenkel dehnen und im Winter stundenlang auf dem Heimtrainer schwitzen. Opfer, die man für den Erfolg bringen muss. Dazu kam: Die hochgezüchteten Rennmaschinen mit störrischem Handling und minimalem Komfort machten die Abfahrt in der Vergangenheit oft zum ruppigen Husarenritt. Fahrspaß? Fehlanzeige! Damit soll nun Schluss sein. Die elf Cross-Country-Bikes in unserer Testgruppe räumen mit den Vorurteilen über ihre Gattung auf und bringen den Fahrspaß zurück in den Rennzirkus. Mit viel Komfort und stimmigen Geometrien erweitern sie den Einsatzbereich der Hardtails über die abgesperrte Rennstrecke hinaus. Moderne Rennmaschinen können mehr als nur schnell bergauf fahren.


Diese Race-Hardtails finden Sie im Test:

Race-Hardtails über 6000 Euro:

  • Corratec Revolution 29 SL XTR
  • Ghost Lector World Cup UC
  • KTM Myroon 29 Sonic 12
  • Merida Big.Nine 9000 (BIKE-TIPP: Testsieger)
  • Niner Air 9 RDO Race
  • Scott Scale RC 900 SL
  • Storck Rebel Nine Platinum G3

Race-Hardtails bis 5000 Euro:

  • Canyon Exceed CF SLX 8.9 Pro (BIKE-TIPP: Versender)
  • Cube Elite C:68 Race
  • Radon Jealous 9.0 SL
  • Specialized Epic Pro Carbon WC HT

Fotostrecke: Test 2017: Race-Hardtails über 6000 Euro und bis 5000 Euro


3600 bis 10000 Euro

Weil die Europäische Zentralbank die Richtlinien für die Kreditwürdigkeit verschärft hat, haben wir das Testfeld in zwei Klassen unterteilt. Die erste Gruppe der sieben Top-Modelle aus dem Fachhandel erfordert einen großzügigen Dispo-Kredit bei der Hausbank. Ghost will tatsächlich 10000 Euro für seinen Nobel-Racer haben, Scott ruft mit 8600 Euro ebenfalls einen stolzen Preis auf. Immerhin: Die restlichen Marken geben sich mit 6000 bis 7000 Euro zufrieden. Bei derartig hohen Preisen klappen unseren Profi-Testern die Kinnladen nach unten. Denn für ihre Arbeitsgeräte haben Simon Stiebjahn und Markus Schulte-Lünzum schon lange nichts mehr bezahlt. Eine der angenehmen Seiten des Berufs Mountainbike-Profi. Cube und Specialized sagen den Kontostandskillern aus Gruppe eins mit günstigeren Mittelklassemodellen unter 5000 Euro den Kampf an. Die beiden Versender Canyon und Radon schicken ihre Vollblut-Racer sogar für unter 4000 Euro in das Rennen um den Testsieg.

Die magische 1-Kilo-Marke Dass sich bei den Cross-Country-Hardtails eine Trendwende abzeichnet, zeigt auch die Tatsache, dass sechs der elf Test-Bikes 2017 mit einem nagelneu konstruierten Rahmen an der Startlinie stehen. Die Kohlefaser-Chassis von Scott, Merida und Canyon liegen dabei mit ihren Rahmengewichten deutlich unter der prestigeträchtigen 1000-Gramm-Marke (Radon liegt mit 1030 Gramm nur knapp drüber). Leichte Rahmen ermöglichen leichte Komplett-Bikes. Dass die Rennmaschinen von Merida und Scott unter neun Kilo (mit Pedalen) wiegen, ist die logische Konsequenz des leichtgewichtigen Rahmenbaus. Schwerere Chassis wie von Ghost oder KTM schaffen ein derartiges Rekordgewicht nur mit bedingt geländetauglichen Reifen.

Trotz Grammfeilscherei haben die Ingenieure auch den Komfort der neuen Bikes deutlich verbessert. Im BIKE-Labor wird der Flex der Sattelstütze penibelst gemessen. Im vergangenen Jahr schafften selbst die komfortabelsten Bikes mit Ach und Krach einen Sattelstützen-Flex von sieben Millimetern. Mit Ausnahme von Specialized knacken alle aktuellen Testkandidaten diesen Wert. Der Großteil unserer Auslese legt sogar noch eine gute Schippe drauf – Hardtail-Fahren war noch nie so komfortabel wie 2017.

Test 2017: Race-Hardtails über 6000 Euro und bis 5000 Euro

Das Scott gibt mit Merida zusammen das Tempo auf der Rennstrecke vor, aber die günstigere Verfolgergruppe hängt sich hartnäckig ans Hinterrad.

Im BIKE-Labor hat der neue Jahrgang also schon mal eine Kostprobe seiner Fähigkeiten abgegeben. Können die Race-Hardtails die angezettelte Revolution auch in der Praxis umsetzen? Um realistische Testbedingungen zu schaffen, sind wir ins österreichische Obertraun gefahren. Mit großem Aufwand hat man am Fuße des Dachsteins eine permanente Rennstrecke geschaffen, die einer modernen Worldcup-Strecke in nichts nachsteht. Die Brechsandpiste ist mit unzählig vielen Anliegerkurven und giftigen Gegenanstiegen übersät. Der flowige Rhythmus der Abfahrten wird dabei immer wieder von fiesen Stein- oder Wurzelfeldern und waghalsigen Sprüngen unterbrochen. Im Schlender-Modus kommen nicht einmal unsere Profitester über den anspruchsvollen Kurs – die Testrunden à 3,8 Kilometer und 149 Höhenmeter verlangen sowohl vom Material als auch von den Fahrern alles.

Eagle löst Di2 ab Simon Stiebjahn war bereits vor der ersten Testrunde verblüfft: "Haben wir kein Bike mit elektronischer Di2-Schaltung dabei?" Die Antwort lautet: Ja. Srams neue 12fach-Schaltgruppe mit Eagle-Technologie hat der Elektro-Schaltung von Shimano den Rang abgelaufen. Sie ist leichter und schafft mit nur einem Kettenblatt und der Kassette mit großem 50-Zähne-Ritzel nahezu die gleiche Übersetzungsbandbreite wie Shimanos Zweifach-Antrieb. Auf der Teststrecke erweist sich die 12fach-Technologie aber als sehr sensibel, beim Einstellen ist daher Präzision gefragt. Die wenigen Räder mit Shimanos herkömmlicher XTR-Gruppe wechseln die Gänge auch im Anstieg unter Last butterweich.

Specialized, Corratec und Cube hinken beim Spurt Richtung Gipfel etwas hinterher, aber auch diese etwas schwereren Räder klettern immer noch auf sehr hohem Niveau. Dass die leichten Bikes beim Klettern keinerlei Defizite haben, war zu erwarten. Aber bringen die Neun-Kilo-Geschosse auch wirklich den versprochenen Fahrspaß im Singletrail?

Test 2017: Race-Hardtails über 6000 Euro und bis 5000 Euro

Der Deutsche Meister Markus Schulte-Lünzum drückt das Cube ordentlich durch die Kurve. "The Snake” heißt der flowige Abschnitt der Rennstrecke von Obertraun.

Reserven für den Downhill Die Zeiten von 120er-Vorbauten sind auch im Cross-Country-Bereich vorbei. Mit Vorbaulängen zwischen 70 und 90 Millimetern und breiten Lenkern überzeugen die Hardtails allesamt mit direktem Handling. Die überwiegend verbauten 2,2er-Reifen sorgen zudem für guten Grip und hohen Komfort. Der einstige Husarenritt über Wurzelteppiche wird nicht zuletzt durch die gute Funktion der aktuellen Federgabeln zum kontrollierten Fahrspaß bergab. Storck verpasst seinem Rebel sogar eine Gabel mit 115 Millimetern Federweg und hat so im groben Gelände noch mal einen Tick mehr Reserven. Sind die Hessen damit ihrer Zeit voraus? Aber auch mit den restlichen Bikes sind Fahrmanöver und Geschwindigkeiten möglich, mit denen man vor nicht allzu langer Zeit noch als Freerider bekannt geworden wäre. Ja, der neueste Jahrgang der Hardtails leitet tatsächlich eine Trendwende ein. Wer 2017 ambitionierte Wettkampfpläne hat, muss sich in der Vorbereitung zwar immer noch quälen, aber neben ihren exzellenten Kletterfähigkeiten machen diese Bikes tatsächlich auch bergab mehr Spaß denn je.

Bei derartig hohen Preisen für ein Hardtail liegt der Gedanke nahe, doch lieber in ein Racefully zu investieren. Auch die Profis im Cross-Country-Worldcup und bei Etappenrennen nutzen mittlerweile überwiegend vollgefederte Bikes im Kampf um den Sieg. Markus Schulte-Lünzum sieht dabei den Vorteil keineswegs nur bergab: "Ich bin mit dem Fully bergab kaum schneller als mit dem Hardtail. Trotzdem nehme ich das Mehrgewicht in kauf, denn mit dem Dämpfer im Heck kann ich auch auf Wurzelpassagen besser antreten und ermüde durch kleine Schläge weniger." Zum direkten Vergleich hatten wir neben der eigentlichen Testgruppe noch das Focus One dabei. Im Anstieg war das Mehrgewicht des Racefullys von ca. 1,5 Kilo deutlich spürbar. Mit der berauschenden Leichtfüßigkeit eines Neun-Kilo-Hardtails kann das Fully nicht mithalten. Bergab vermittelt das One dank Dämpfer im Heck etwas mehr Ruhe. Der im Vergleich zum Testfeld längere Radstand lässt das Fully dabei aber weniger wendig wirken. Technisch wenig versierte Fahrer erkaufen sich mit Abzügen in der Bergaufleistung mehr Sicherheit bergab.

Test 2017: Race-Hardtails über 6000 Euro und bis 5000 Euro

Bergab hat das KTM mit schmalen Reifen und schmalem Lenker zu kämpfen, das Storck in der Verfolgerposition tut sich mit 115 Millimetern Federweg an der Gabel deutlich leichter. 


ODER DOCH LIEBER EIN FULLY STATT HARDTAIL?

Bei derartig hohen Preisen für ein Hardtail liegt der Gedanke nahe, doch lieber in ein Racefully zu investieren. Auch die Profis im Cross-Country-Worldcup und bei Etappenrennen nutzen mittlerweile überwiegend vollgefederte Bikes im Kampf um den Sieg. Markus Schulte-Lünzum sieht dabei den Vorteil keineswegs nur bergab: "Ich bin mit dem Fully bergab kaum schneller als mit dem Hardtail. Trotzdem nehme ich das Mehrgewicht in kauf, denn mit dem Dämpfer im Heck kann ich auch auf Wurzelpassagen besser antreten und ermüde durch kleine Schläge weniger." Zum direkten Vergleich hatten wir neben der eigentlichen Testgruppe noch das Focus One dabei. Im Anstieg war das Mehrgewicht des Racefullys von ca. 1,5 Kilo deutlich spürbar. Mit der berauschenden Leichtfüßigkeit eines Neun-Kilo-Hardtails kann das Fully nicht mithalten. Bergab vermittelt das One dank Dämpfer im Heck etwas mehr Ruhe. Der im Vergleichzum Testfeld längere Radstand lässt das Fully dabei aber weniger wendig wirken. Technisch wenig versierte Fahrer e-kaufen sich mit Abzügen in der Bergaufleistung mehr Sicherheit bergab.

Gewicht: 10,6 kg / Federweg: 100/110 mm / Laufrad: 29" / Preis: 7999 Euro

Focus One

Fully Focus One


FAZIT von BIKE-Redakteur Ludwig Döhl: Diese Hardtails sind am besten mit einem Wort zu beschreiben: Fahrspaß! Bergauf zieht einem der leichtfüßige Antritt die Mundwinkel nach oben, bergab überzeugt das direkte Handling. Der Unterschied zwischen den teuren Top-Modellen und der vermeintlichen Mittelklasse ist dabei gering. Diese Bikes fühlen sich nicht nur beim Marathonstart wohl, sondern machen auch auf langen Touren eine gute Figur.

Ludwig Döhl

Ludwig Döhl, BIKE-Redakteur


DIE PROFIS IM TEST-TEAM

Simon Stiebjahn (rechts): Der 26-jährige Schwarzwälder ist ein kompletter Fahrer. In seiner noch jungen Karriere war er bereits Deutscher Vize-Meister im Marathon und Sprint, zuletzt gewann er das Cross-Country- Bundesligafinale in seiner Heimat Titisee-Neustadt. Sein Herz schlägt aber für Etappenrennen wie das Cape Epic oder die Transalp Challenge, die er zusammen mit dem Team Bulls bestreitet.

Markus Schulte-Lünzum (Mitte): Der 25 Jahre alte Nordrhein-Westfale gilt als exzellenter Techniker in der Szene. Aktuell ist er Deutscher Meister im Cross Country und steht im Dienst des Focus-XC-Teams. International war der Sieg des Gesamt-Worldcups in der U23-Klasse 2013 sein größter Erfolg. 2017 will er zeigen, dass er auch bei der Elite zu den Top-Fahrern gehört.

Test 2017: Race-Hardtails über 6000 Euro und bis 5000 Euro

Die Tester bei der Arbeit: Simon Stiebjahn (rechts) und Markus Schulte-Lünzum (links)


DIE TESTSTRECKE

Egal, ob verwinkelte Spitzkehre oder flowige Anliegerkurve, ob fieser Gegenanstieg oder wurzeldurchsetzte Abfahrt, die Rennstrecke in Obertraun (Oberösterreich) bietet alle Facetten. Jedes Test-Bike musste den abwechslungsreichen Kurs sechsmal umrunden, bevor sich die Tester ihr Urteil bildeten. Für 2018 haben sich die Österreicher sogar für die Austragung eines Worldcups beworben. Das Potenzial hat die künstlich angelegte Strecke allemal. Zu Trainingszwecken kann die Strecke jederzeit befahren werden. In Verbindung mit dem direkt dort liegenden Sport- und Freizeitzentrum lässt sich hier auch ideal ein Trainingslager für Vereine abhalten. www.bikearena-obertraun.at

Test 2017: Race-Hardtails über 6000 Euro und bis 5000 Euro

Die Teststrecke: Bike Arena Obertraun


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Ludwig Döhl am 06.06.2017
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