Test 2016: Plus-Hardtails ab 1400 Euro Test 2016: Plus-Hardtails ab 1400 Euro

Test 2016: Plus-Hardtails ab 1400 Euro

BIKE-Test: Was können die Plus-Hardtails?

Ludwig Döhl am 08.02.2017

Sind wir in Zukunft nur noch auf dicken Reifen unterwegs? Diese Frage stellten wir uns bei unserem ersten Gruppentest mit sechs Hardtails im Plusformat. Zwei Leser halfen uns, die Antwort zu finden.

(Test aus BIKE 7/2016)   "Das soll die Zukunft sein?" Frank Herzog, einer unserer beiden Lesertester, staunt nicht schlecht, als er das Testfeld zum ersten Mal erspäht. Die dicken Reifen schinden Eindruck. Dabei kosten die Bikes noch nicht mal 1700 Euro. Um etwas abzuspecken, hatte sich Frank gerade erst ein neues GT Zaskar zugelegt. Den Cross-Country-Klassiker schlechthin. Dennoch reizen ihn Hardtails im Plus-Format. Auch wir sind gespannt auf die erste große Testgruppe mit dicken Reifen. Stimmen die Versprechen der Hersteller? "Bergab komfortabel und schnell wie ein Fully." "Im Anstieg sportlich wie ein Hardtail." "Bikes mit Spaßgarantie im Trail." Frank Herzog und Georg Kluge, unsere beiden Lesertester, können es kaum erwarten, sich in den Sattel zu schwingen.

Diese Plus-Hardtails haben wir getestet:

• Bulls Copperhead 3 RS+ (BIKE-Tipp: Testsieger)
• Cannondale Beast of the East 3
• Fuji Beartooth One.1
• Norco Torrent 7.2
• Orbea Loko 27+ H30
• Specialized Fuse Comp (BIKE-Tipp: Downhill)

Fotostrecke: Test Plus Hardtails in BIKE 7/16

Die technischen Daten aus dem BIKE-Labor lassen die Kletterdefizite der neuen Gattung erahnen. Das Durchschnittsgewicht der sechs Plus-Hardtails liegt bei 13,5 Kilo. Zum Vergleich: Die zuletzt in BIKE 3/2016 getesteten Einsteiger-Hardtails wogen im Schnitt nur 12,7 Kilo – und das, obwohl sie weniger als 1500 Euro kosteten.

Beim Messen der Trägheit stellte unser Testlabor im Schnitt einen 24 Prozent höheren Wert fest als bei den Einsteiger-Hardtails. Auch wenn das bei einem Sprint von null auf 30 km/h in zehn Sekunden nur etwa fünf Watt ausmacht, merkt man die Mehrbelastung während einer Tour deutlich. Gerade im Uphill macht sich der erhöhte Beschleunigungsaufwand der Laufräder bei jeder Pedalumdrehung bemerkbar. Im BIKE-Punktesystem gibt es dafür Abzüge.

Nur das Bulls Copperhead RS+ bleibt unter der 13-Kilo-Marke und hat ähnliche Beschleunigungswerte wie die vorher genannte Vergleichsgruppe. Das Votec-Trail-Hardtail mit normalen 29er-Laufrädern, das wir als Referenz mit im Test hatten, übrigens auch. Den technischen Daten der Plus-Bikes ist der Fortschritt also erst mal nicht abzulesen.

Auch die Ausstattung fällt im Vergleich zu unserer früheren Testgruppe mit normalen Reifen etwas sparsamer aus. Nur Bulls hat die aktuelle Elffach-Gruppe aus Shimanos XT-Linie verbaut. Der Rest setzt auf 2x10-Antriebe; Specialized, Cannondale und Norco sogar nur auf 1x10. In der Vergangenheit war das nur eine Alternative für Hardcore-Racer. Das zweite Kettenblatt sparen sich die Amis bzw. Kanadier. Folge: Mit dem kleinsten Gang an Specialized und Norco kommt man bei längeren oder steilen Anstiegen schnell ins Schwitzen. Die 11/40-Kassette des Cannondales lässt – in Verbindung mit dem 32er-Kettenblatt – selbst gut trainierte Oberschenkel schon bei den kleinsten Anstiegen brennen.

Vier der sechs Räder werden von Shimanos gruppenloser Bremse mit Zweifingerhebel verzögert. Nur Bulls-Fahrer kommen in den Genuss der deutlich ergonomischeren Einfingerbremshebel. Bei der Federgabel waren sich die Produkt-Manager einig: 120 Millimeter Federweg sollen den Bikes an der Front reichlich Komfort verleihen. Leider federt die überwiegend verbaute SR Suntour Raidon etwas störrisch. Die Reba im Bulls zeigt, wie es besser geht.

Auf dem Papier sieht es also eher schlecht aus für die Bike-Kategorie, die eigentlich in die Zukunft weisen soll. Üppigeres Gewicht und magerere Ausstattung bremsen die Euphorie bei unserem ersten Gruppentest mit Plus-Reifen. Die Industrie verteidigt das neue Format dennoch. Diese Bikes sind Trail-Hardtails, also für den harten Geländeeinsatz konzipiert. Nicht jeder kann oder will sich dafür ein Fully leisten. Die Zielgruppe sind überzeugte Hardtail-Fahrer, die ohne wippenden Hinterbau Spaß auf den Trails haben wollen. Unsere Grammfuchserei und die Messwerte aus dem Labor sind für sie zweitrangig. "Wartungsfreiheit und Individualität stehen im Vordergrund", bestätigt auch Phillip Martin, Marketing-Manager von Cannondale.

Test 2016: Plus-Hardtails ab 1400 Euro

Trotz langem Radstand bleibt das Specialized agil, auch auf verwinkelten Waldabfahrten.

Von unseren Bewertungsmaßstäben weichen wir dennoch nicht ab. Wir wollen schlicht und einfach dokumentieren, wie sich die Plus-Hardtails in unterschiedlichen Fahrsituationen gegenüber herkömmlichen Hardtails bewähren. Die Räder testen wir dazu auf einer unserer Stammteststrecken bei Regensburg: Verwinkelte Abfahrten, schnelle Wurzelpassagen und Anstiege sowohl auf Schotter als auch auf Wurzelpfaden sollen Aufschluss über die Vorzüge und Handicaps der Plus-Formate bringen. Dabei habe wir diese Eigenschaften in BIKE 8/2015 hinreichend aufgearbeitet: Die dickeren Reifen rollen besser über Hindernisse, bieten mehr Komfort und Grip und knicken in Kurven deutlich später weg. Unser Lesertester Georg Kluge bestätigt nach dem Praxistest:

"Bergab machen die Plus-Bikes Spaß. Das bessere Überrollverhalten und die komfortablen Reifen nehmen viele Schläge auf. Ich fühle mich sicherer als auf normalen Reifen und riskiere dann auch mehr."

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Kleine Wurzelfelder schlucken die dicken Reifen einfach weg. Der Komfort steigt deutlich.

Auch der Komfort beim Überrollen von Wurzelfeldern ist deutlich höher. Die Schläge treffen den Fahrer durch die dicken Reifen eindeutig gedämpfter. Eines aber ist klar: Voluminöse Reifen filtern die Schläge zwar besser als schmale Reifen, eine Dämpfung – wie beim Fully – gibt es aber nicht. Der Komfort ist zwar höher, aber in Wurzelpassagen oder Kompressionen schwingen sich die breiten Reifen leicht auf. Die präzise
Linienwahl wird dann zur Herausforderung. Der eher schmale 2,8er-WTB-Reifen des Cannondales löst diese Aufgabe noch am besten.

Die Vorzüge des Plus-Formats sind sehr speziell, die Nachteile dagegen eher generell. Wann knickt schon mal ein Reifen von der Felge? Den um zirka 30 Prozent höheren Rollwiderstand (BIKE 8/15) auf Asphalt und das für Hardtails hohe Gewicht spürt man dagegen an jeder Ecke auf der Feierabendrunde. Gegen Ende des Testtages dauert der Anstieg für Frank Herzog immer länger. Die unpassenden Übersetzungen, der Rollwiderstand und die schweren, immer wieder zu beschleunigenden Laufräder haben extrem viel Kraft gekostet. Auch er bestätigt die Vorteile der Plus-Reifen. Über eine ganze Tour gesehen überwiegen für Herzog aber die Nachteile. "Die dicken Reifen saugen mir einfach die Oberschenkel leer", stöhnt der 37-Jährige sichtlich geschafft.

Fazit: Aktuell können die Plus-Hardtails den normalen Hardtails nur in wenigen Punkten den Rang ablaufen. Die Hersteller haben diese Hardtails auf den Trail-Einsatz ausgelegt, was die bis zu 130 Millimeter großen Federwege an den Gabeln oder auch die versenkbare Sattelstütze am Specialized verraten. Damit sollen sie in der exotischen Kategorie der Trail-Hardtails auf Kundenjagd gehen.

Unsere beiden Lesertester hat diese Bike-Kategorie nicht überzeugt. Ihnen sind Performance und Touren-Tauglichkeit wichtiger als das Plus an Komfort. Die verhältnismäßig magere Ausstattung und das hohe Gewicht der Plus-Bikes bremsen die anfängliche Euphorie über die dicken Reifen. Dennoch dürfte auch diese Hardtail-Spezies ihre Zielgruppe finden: als Alltags-Bikes, die mit unkomplizierter Technik und einem Plus an Sicherheit und Komfort bei gelegentlichen Trail-Ausflügen punkten. 

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Lesertester Frank Herzog: Der 37-jährige Trocknungstechniker hat im Herbst letzten Jahres das Biken für sich entdeckt. Um ein paar Kilo abzunehmen, hat er sich ein GT-Zaskar-Hardtail gekauft. Mit Neugier, aber völlig unvoreingenommen, absolvierte er unsere technische Teststrecke. Normalerweise fährt Frank seine Touren auf Schotterwegen und eher leichten Trails. 

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Lesertester Georg Kluge: Seit 24 Jahren ist Georg Kluge mit dem Mountainbike in den Wäldern unterwegs. Für den 51 Jahre alten Lehrer zählt dabei vor allem der Spaß auf den Singletrails. Für Touren im Altmühltal und in den Alpen hat er ein Fully mit 160 mm Federweg und 27,5-Zoll-Laufrädern. Als begeisterter Testleser interessiert er
sich aber auch für das neue Plus-Format.

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Ludwig Döhl am 08.02.2017
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