Test 2017: Enduros unter 3500 Euro Test 2017: Enduros unter 3500 Euro

Test 2017: Enduro-Bikes unter 3500 Euro

8 Enduro-Bikes unter 3500 Euro im Vergleich

Ludwig Döhl am 10.05.2017

Enduro-Mountainbikes sind in aller Munde. Doch taugen die Bikes mit 160 Millimetern Federweg auch für den Touren-Einsatz? Darüber entscheidet nicht zuletzt das Gewicht – und damit der Preis.

Man kann die Enduro-Szene in zwei Lager unterteilen: Für die einen ist es lebensstil, für die anderen ein Rennformat. aber letztendlich geht es allen primär ums Gleiche: Spaß bergab! 

Also, wer sich auf ein Rad mit 160 Millimetern Federweg schwingt, muss bereit sein für Kompromisse. Der Aufstieg ist Mittel zum Zweck – schließlich jagt man keine Strava-Bestzeiten bergauf. Es zählt der Fahrspaß, und der wird in Singletrail-Kilometern und Adrenalin-Ausschüttung gemessen – egal, ob mit oder ohne Startnummer am Lenker. Deswegen: Ein Enduro-Bike hat erst dann Bestnoten verdient, wenn man sich nach der Abfahrt vor lauter Freude mit seinen Bike-Kumpels abklatscht. Die Frage bei unserem Test hieß also: Welche Bikes reizen den Abklatsch-Reflex am stärksten, und bei welchen lässt man die Hände eher in den Hosentaschen verschwinden?

Test 2017: Enduros unter 3500 Euro

Mal auf verwurzelten Rennpisten, mal auf der Jumpline, mal auf dem Flowtrail – die Enduros mussten sich auf unterschiedlichstem Terrain beweisen.

Doch erst musste eine andere Frage geklärt werden: Welche Strecke wird den Enduro-Bikes gerecht? Wo kann man die potenten Fahrwerke mit 160 Millimetern Federweg überhaupt aus der Reserve locken? Wir entschieden uns, die acht Kandidaten unter 3500 Euro in ihrem natürlichen Lebensraum zu testen: auf den Originalrennstrecken der Deutschen Enduro-Meisterschaft in Schöneck. Sowohl 2014 als auch 2016 wurde hier im sächsischen Vogtland der schnellste Enduro-Fahrer Deutschlands ermittelt. Zahlreiche Sprünge, Anlieger, Wurzelteppiche, Hangquerungen und Steinfelder fordern dort den Bikes und ihren Testern alles ab. Apropos Testpersonal: Um noch mehr Rennatmosphäre bei unserem Enduro-Test zu schaffen, hatten wir uns einen externen Experten ins Team geholt: Tobias Reiser. Der Oberbayer verdient seine Brötchen als Enduro-Profi und ließ uns, sozusagen als Abklatsch-Reflex-Ringrichter, an seinem Knowhow teilhaben. Seine Qualifikation: 2014 holte er auf unseren Teststrecken die Silber-Medaille bei den ersten Deutschen Meisterschaften im Enduro, 2015 an andere Stelle Bronze. Die perfekte Ergänzung für das BIKE-Testteam.

Die Ergebnisse dieser acht Enduro-Mountainbikes finden Sie im Test:

  • Alutech Teibun 2.0 Custom
  • Canyon Strive AL 7.0 Race (BIKE-TIPP: Versender)
  • Centurion Trailbanger 2000.27
  • Giant Reign 1.5 LTD (BIKE-TIPP: Fachhandel)
  • Kross Moon 3.0
  • Lapierre Spicy 327
  • Poison Acetone 27,5
  • YT Industries Capra CF Comp

Fotostrecke: Test 2017: Enduros unter 3500 Euro

Dass wir den Anstieg des Bikeparks genauso oft aus eigener Muskelkraft wie mit dem Lift bezwangen, gehört zur Bestimmung der Enduros dazu. Schließlich will diese Kategorie zu den Alleskönnern unter den Mountainbikes gezählt werden. Die Frage war also: Klappt das mit den günstigeren Enduros ähnlich gut wie mit den leichten, aber sündhaft teuren Arbeitsgeräten der Profis?

Es ist kein leichtes Unterfangen für Bike-Hersteller, ein gutes Enduro für 3500 Euro auf die Räder zu stellen. Teleskopstützen und hochwertige Federelemente sind unverzichtbar, aber teuer – da müssen Abstriche bei der übrigen Ausstattung gemacht werden. So rollen Giant und Alutech auf günstigen Reifen, Lapierre verzögert mit Deore-Stoppern und verzichtet – genauso wie Poison – auf eine Kettenführung. Die Entscheidung von Centurion, Giant und Lapierre, eine minderwertigere Gabel zu verbauen, schlägt sich im Fahrverhalten allerdings deutlicher nieder. Immerhin ist das Fahrwerk das Herzstück eines guten Enduros. Im direkten Vergleich können die günstigeren Gabel-Pendants nicht mit den Top-Modellen von Rock Shox und Fox mithalten, funktionieren aber trotzdem ordentlich. Trotz Sparzwang schafft es Versender YT sogar, einen Carbon-Hauptrahmen anzubieten, Alutech liefert immerhin eine Carbon-Sitzstrebe. Das restliche Feld tritt – wie erwartet in dieser Preisklasse – mit Aluminium-Chassis an.

Bei der Schaltung sind sich alle Hersteller einig. Auch wenn Einfach-Schaltungen eine geringe Übersetzungsbandbreite haben, müssen für Enduro-Fahrer elf Gänge reichen – Srams 1x12 Eagle mit größerer Gangspreizung darf man in diesen Preisregionen noch nicht erwarten. Auf den meisten Bikes in dieser Testgruppe bleibt untrainierten Oberschenkeln in steilen Rampen also oft nur die Kapitulation vor dem Berg. Ein cleverer Kniff gelingt allerdings Alutech: Die Norddeutschen erweitern die Übesetzungsbandbreite geschickt mit einer E13-Zubehörkassette mit 9–44 Zähnen (das Custom-Programm von Poison und Alutech lässt sowieso alle Möglichkeiten offen). Fast schon Standard an Enduro-Bikes sind Kettenführungen: Bei sechs von acht Rädern halten sie den Antriebsstrang bergab im Zaum. Unser Zwischen-Fazit lautet somit: Die Ausstattung alleine treibt einem noch keine Freudentränen in die Augen. Steigt die Endorphin-Ausschüttung auf dem Trail?

Test 2017: Enduros unter 3500 Euro

Canyon schafft, dank Shapeshifter, die beste Grätsche zwischen Aufstieg und Abfahrt. In der Abfahrt hilft das schluckfreudige Fahrwerk beim Ritt über die Wurzeln.

Bergauf weniger. Die ersten Uphill-Meter machen klar: Enduro-Fahrer müssen kompromissbereit sein! Denn nicht nur die Einfach-Antriebe schränken die Kletterfähigkeit ein, auch das Gewicht dieser Test-Bikes trübt mit durchschnittlich 14 Kilo das Fahrvergnügen bergauf. Wer mit dem Gedanken spielt, eine Alpenüberquerung zu bestreiten oder vor allem Touren fährt, ist mit einem Rad aus dem All-Mountain- oder Trailbike-Genre ganz sicher besser bedient. Es sei denn, er steigt mehrere Preisklassen höher ein – dann rangieren auch die Enduro-Gewichte mal unter 13 Kilo. In dieser Gruppe schafft es aber nur Alutech, die 13-Kilo-Marke zu knacken. 12,8 Kilo ohne Pedale, leichte Laufräder und gut rollende Reifen machen das Teibun vortriebsstark. Das Lapierre Spicy markiert als günstigstes Bike im Test die Gewichtsobergrenze. Mit fahrfertigen 15,5 Kilo kämpfen die Franzosen definitiv in der Klasse der Schwergewichtler.

Zum Glück sind die Zeiten vorbei, als Fullys bergauf schaukelten wie Kamel-Karawanen. Effiziente Fahrwerke und gut pedalierbare Geometrien machen den Anstieg trotz Übergewicht erträglich. Canyon beweist mit seinem Shapeshifter einen hohen Innovationsgrad. Per Knopfdruck wird sowohl die Hinterbau-Charakteristik als auch die Geometrie des Strives für den Anstieg angepasst. Das Tretlager wandert höher, der Lenkwinkel wird steiler, und eine frontlastigere Sitzposition hilft beim Klettern. Der dadurch verringerte und vor allem straffer ausfallende Federweg am Dämpfer passt perfekt ins Konzept. Auch wenn sich der Pneumatikkolben des Shapeshifter-Konzepts mit etwas mehr Gewicht am Rahmen bemerkbar macht – er lohnt sich. Mit diesem Chamäleon-Gimmick schaffen die Koblenzer den besten Spagat zwischen Abfahrt und Anstieg. Poison legt mit schmalen 2,2er-Trailking-Reifen, sportlicher Position und geringem Gewicht viel Wert auf gute Kletterfähigkeiten, muss das aber in der Abfahrt einbüßen. Schade, denn eigentlich geht es doch gerade ums Bergabfahren.

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Geschichtsstunde: André Wagenknecht wurde 2014
in Schöneck der erste Deutsche Meister im Enduro. Unser Promi-Tester Tobi Reiser lag damals auf Rang zwei. 

Nach dem zähen Anstieg dachte unter den Testern noch niemand übers euphorische Abklatschen mit den Kumpels nach – aber das sollte sich nun in der Abfahrt ändern. Zumindest laut Theorie. Enduro-Profi Tobi Reiser leidet bereits an Adrenalin-Mangel und biegt deshalb als Erster in die ehemalige Rennstrecke ein. Lässig fliegt er über die großen Table-Sprünge im oberen Teil der Schönecker Jumpline. Die Lufteinlagen bringen die Enduros schon mal nicht aus der Ruhe, selbst die ein oder andere rumpelige Landung stecken die Bikes mit üppigem Federweg locker weg. Dann biegt die Strecke von der planierten Brechsandpiste ins verwinkelte Unterholz ab. Unser Gast-Tester springt über Steinfelder, drückt sich kraftvoll durch Kurven und balanciert über Wurzelteppiche. Vor allem YT, Canyon und Giant gieren mit ihren schluckfreudigen Fahrwerken und gelungenen Geometrien nach hohen Geschwindigkeiten. Das YT Capra und das Giant Reign unterstützen dabei mit ihren laufruhigen Charakteren die Highspeed-Abfahrt. Nicht, dass diese Bikes in den Kurven sperrig wären, aber der lange Radstand fordert etwas mehr Nachdruck beim Richtungswechsel. Racer wie Tobi lieben dieses Fahrverhalten, fahrtechnisch weniger versierte Piloten müssen sich daran erst gewöhnen. Am Poison und am Kross passen zwar die Geometrien, aber die Federungen an den Hinterbauten harmonieren zu wenig mit dem Rest der Bikes. Mit ihren leichten Aufbauten schielen Alutech, Kross und Poison etwas auf den All-Mountain-Bereich. Gelegentliche Touren kommen für sie eher in Frage als Ausflüge in den Bikepark.

Test 2017: Enduros unter 3500 Euro

Wir haben einheitlich alle Reifen mit 1,7 bar vorne und 1,9 bar hinten befüllt. Hier mussten wir also noch mal zur Luftpumpe greifen.

Limitierend wirkt bergab auch manche Reifen-Kombi. "Wenn ich weiß, dass es bergab zur Sache geht, würde ich immer auf Reifen mit stabilerer Seitenwand setzen", sagt Reiser. Nicht alle Hersteller haben das bei ihren Spezifikationen berücksichtigt – manche schwachbrüstigen Pneus hielten dem schroffen Untergrund nicht stand. Schwalbes Hans-Dampf-Performance-Reifen zum Beispiel, verbaut am Giant, knausern ebenso mit Grip wie die WTB-Gummis am Alutech, vom Pannenschutz ganz zu schweigen.

Generell bietet diese Testgruppe aber auch Einsteigern ein hohes Maß an Sicherheit. Nach dem zäh erkämpften Anstieg brachte die Abfahrt die ersehnte Belohnung – und die Erkenntnis: Noch nie waren schnelle Downhills leichter als mit diesen Enduro-Boliden. Darauf ein High five!

Fazit von Ludwig Döhl, BIKE-Redakteur
Abgesehen von einigen Platten, halten die Enduros, was sie versprechen. Diese Bikes machen bergab viel Spaß! Aber Vorsicht: Die Kombination aus hohem Gewicht und Einfach-Antrieb ist nichts für schwache Oberschenkel. Wer gerne längere Touren fährt, ist mit einem All Mountain besser bedient. Wer mit einem Besuch im Bikepark liebäugelt, liegt bei dieser Bike-Kategorie richtig. Bei unserem Rennstreckentest zeigten sich die Bikes von Canyon, YT und Giant besonders stark. 

Ludwig Döhl

Ludwig Döhl, BIKE-Testredakteur

Ludwig Döhl am 10.05.2017
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