Test ALT gegen NEU: Vier aktuelle Bikes gegen Vorgänger 2016 Test ALT gegen NEU: Vier aktuelle Bikes gegen Vorgänger 2016

Test ALT gegen NEU: Vier aktuelle Bikes gegen Vorgänger 2016

Thronfolger: Sind die 2017er Bikes besser?

Ludwig Döhl am 18.04.2017

Wer sich ein neues Bike zulegen will, hat zwei Möglichkeiten: Auf die 2017er-Modelle warten oder ein Schnäppchen im Schlussverkauf schießen. Wir haben vier 2017er Bikes und deren Vorgänger verglichen.

Gerade haben die Bikes der Saison 2016 noch für platt gedrückte Nasen am Schaufenster gesorgt, jetzt werden sie verramscht wie T-Shirts am Wühltisch vom H&M. Ein dickes Rabattschild degradiert die einstigen Innovationsträger zum Auslaufmodel und lässt die Kunden zweifeln: Kann ein Rad, das jetzt schon reduziert wird, überhaupt so toll sein? Die Industrie schürt die Zweifel zusätzlich, denn das Nachfolgermodell soll natürlich noch besser über die Trails flitzen. Fortschritt sei ja bekanntlich nicht aufzuhalten. Um Klarheit zu schaffen, haben wir vier Bikes aus dem aktuellen Modelljahr und deren Thronfolger für die Saison 2017 zum Test geladen. Die Frage heißt: Lohnt sich das Warten auf die neuen Modelle, oder ist die Sache mit dem Fortschritt doch nur eine Marketing-Phrase?

Diese vier Bikes haben wir in der Version 2016 gegen 2017 getestet:

  • Giant Trance Advanced 0 2016 gegen Giant Trance Advanced 0 2017
  • Merida Big.Nine Team 2016 gegen Merida Big.Nine Team 2017
  • Rocky Mountain Element 970 RSL 2016 gegen Rocky Mountain Element 970 RSL 2017
  • Stevens Whaka 20 ES 2016 gegen Stevens Whaka Carbon ES 2017

Fotostrecke: Test ALT gegen NEU: Vier aktuelle Bikes gegen Vorgänger 2016

Die Meilensteine der Bike-Industrie liegen weit zurück. Für die einen war es die Einführung von Scheibenbremsen und gut funktionierenden Luftfahrwerken um die Jahrtausendwende. Andere schwärmen von Teleskopstützen und 29er-Bikes. Mittlerweile sind diese Innovationen zum Standard geworden. Die Folge: Nie waren Mountainbikes besser. Ein Grund zum Jubeln, denn selbst günstige Einsteigermodelle fahren heute mit leistungsfähigen Fahrwerken, Antrieben und Bremsen. Das hohe Niveau der Bikes bereitet dem ein oder anderen Ingenieur schon mal Kopfzerbrechen. Was soll noch verbessert werden? Zurzeit bleibt den Herstellern nichts anderes übrig, als an Details zu arbeiten. Mountainbike-Enthusiasten sprechen von Feintuning, Kritiker von Pseudo-Innovationen. Wenigstens wird noch entwickelt, denn alle vier Paarungen kommen nicht nur mit veränderter Ausstattung, sondern auch mit einem neuen Rahmen.

Boost-Standard, minimal größere Laufräder (27,5 im Vergleich zu 26 Zoll) und 1x11-Schaltungen sollen die Heilsbringer sein. In Wahrheit werden die geringfügigen Vorteile aber auch mit Nachteilen erkauft: höheres Gewicht bei Laufrädern, geringere Bandbreite oder schlechtere Abstufung bei Einfach-Antrieben. Viel Marketing, wenig Ingenieurskunst also? Dieses Fazit wäre zu voreilig. Denn bei zwei unserer vier Paarungen bekommt man 2017 ein deutlich leichteres Rad als 2016. Merida spart am Big.Nine ein ganzes Kilo ein, Stevens beim Whaka dank neuem Carbon-Rahmen stattliche 750 Gramm. Die 500 Gramm Mehrgewicht des Rocky Mountains sind auf die zusätzlich verbaute Teleskopstütze zurückzuführen. Ok, das neue Element ist zwar schwerer, aber der Vorteil auf dem Trail dafür deutlich spürbar. Für die 550 Gramm Extragewicht beim neuen Giant Trance fällt die Rechtfertigung etwas schwammiger aus. Breitere Felgen, Boost-Standard und der metrische Dämpfer mit Ausgleichsbehälter drücken eben etwas mehr auf die Waage.

Auch dem Vorwurf der schlechteren Klettereigenschaften aufgrund einer geringeren Übersetzungsbandbreite bietet der 2017er-Jahrgang Paroli. Merida und Giant spendieren ihren Bikes in der neuen Saison zwölf statt elf Ritzel an der Kassette. Der 50 Zähne umfassende Rettungsring schafft in Verbindung mit dem kleinen Zehner-Zahnkranz nahezu die gleiche Gangspreizung wie herkömmliche Zweifach-Antriebe. Rocky Mountain liefert in unserem Test einen Einfach-Shimano-Antrieb mit einer 11–42er-Kassette für sportliche Fahrer, bietet aber das Element RSL 970 auch 2017 in einer Zweifach-Version an. Stevens bleibt als deutscher Traditionshersteller seiner Linie treu. Sowohl 2016 als auch 2017 schalten die Hamburger mit einer 2x11-Shimano-XT-Schaltung. Alles in allem ist der technische Fortschritt, wenn auch nur anhand von Details, tatsächlich zu erkennen.

Test ALT gegen NEU: Vier aktuelle Bikes gegen Vorgänger 2016

Im Trail platziert sich das 2017er-Carbon-Whaka ganz klar vor seinem Aluminiumvorfahren, nicht nur wegen des geringeren Gewichts. 

Anders als beim Fortschritt, braucht man bei der Preisentwicklung keine Lupe, um die Unterschiede zwischen den zwei Jahrgängen zu erkennen. Mountainbikes reißen ein immer größeres Loch in den Geldbeutel. Im Schnitt steigen die Preise dieser Testgruppe um 17 Prozent und das, obwohl die Branche erst vergangenes Jahr deutlich mit den Preisen angezogen hat. Fragwürdig, warum die Hersteller Jahr für Jahr ihre Preise höher ansiedeln, um dann während der Saison über Absatzprobleme zu klagen. Erfahrene Hasen wissen daher: In der Regel fahren die Händler ab August Rabattaktionen, um die Lager zu räumen – dann beginnt die Saison für Schnäppchenjäger. So verraten wenige Klicks im Internet, dass auch die von uns getesteten 2016er-Modelle schon deutlich unterhalb der UVPs über die Ladentheke rollen. Bis zu 25 Prozent Preisnachlass kann man ergattern – dann stimmt auch das vermeintlich aus dem Lot geratene Preis/Leistungsverhältnis wieder.

Also, gute Nachricht für alle Kaufinteressierten: Mit Einführung der neuen Modelle wird nicht generell schlecht, was bis dato gut funktioniert hat – es wird nur deutlich günstiger. Bezieht man den Preisvorteil der 2016er-Modelle mit ein, ist der alte Jahrgang sogar äußerst attraktiv. Aber auch Technikfanatiker dürfen aufatmen: Die Entwicklung in der Bike-Branche steht nicht still. Auch wenn die Innovationen deutlich kleiner portioniert werden als einst.

Seite 1 / 3
Ludwig Döhl am 18.04.2017
Kommentare zum Artikel