Cannondale Jekyll Ultimate Action Cannondale Jekyll Ultimate Action

Test 2011: Cannondale Jekyll Ultimate

Das Cannondale Jekyll Ultimate im Super-Test

Christoph Listmann am 15.04.2011

Für 7499 Euro entbehrt das Cannondale Jekyll Ultimate jeder Vernunft. Ist es tatsächlich der letzte Ausweg auf der Suche nach dem einen Bike, das alles kann? Unser Test verrät's.

Von manchen Namen und Modellbezeichnungen geht eine gewisse Gefahr aus. An sie knüpft man Erwartungen, verbindet historische Ereignisse oder heroische Taten. Die Modellbezeichnung Jekyll trägt so ein schweres Erbe. Um die Jahrtausendwende war das Cannondale Jekyll wegweisend, ein Meilenstein. Erst mit 100 Millimetern Federweg, später mit 135 und Geometrieverstellung. Ich bin im Jahr 2000 die Transalp-Challenge auf einem Jekyll gefahren, weil das Bike vielseitiger als die meisten Fullys war – renntauglich und gleichzeitig super bergab. Doch in der letzten Dekade ist viel passiert. Die Marke Cannondale ist durch unruhiges Fahrwasser geschippert und bringt jetzt mit dem neuen Jekyll ein Superbike, das zu Recht Aushängeschild eines neuen Selbstbewusstseins ist.

Das Cannondale Jekyll läutet eine neue Ära ein

Die Entwickler um Peter Denk haben beim Fahrwerk alle Details beachtet und sie in ein begehrenswertes Design verpackt. Tiefe Dämpferlage, breite Wippe mit Hohlachsen, Steckachsen vorne und hinten und das 1,5 Zoll dicke Steuerrohr ergeben eine maximal steife Konstruktion, die man unmittelbar spürt. Herzstück des Bikes ist der Fox-DYAD-Dämpfer mit zwei Luftkammern und zwei Federwegen, die man über einen Lenkerhebel wählt. Die bei der Präsentation versprochenen 2,6 Kilo erreicht das L-Fahrwerk in unserem Labor nicht, 2,9 Kilo sind dennoch ein guter Wert fürs Carbon-Chassis, die Alu-Variante wird vermutlich ein paar hundert Gramm schwerer sein. Laut Cannondale soll das Jekyll den 120-mm-Kunden ansprechen, weil es ähnlich leicht ist, besser klettert und bergab gewaltige Vorteile bietet. Angst vorm Federweg und Antriebseinflüssen braucht hier niemand zu haben.

Effizienzmessung bescheinigt den Cannondale-Entwicklern gute Arbeit

Das Jekyll-Fahrwerk verdient im Flow-Mode vier von sechs Punkten, im straffen Elevate-Mode sind es sogar fünf. Der auf 90 Millimeter Federweg reduzierte Elevate-Modus schließt eine der zwei Dämpfer-Luftkammern. Er zeigt eine ausgesprochen straffe, sportliche Charakteristik und verhindert bergauf das Eintauchen des Hecks und damit die Verlagerung des Körpergewichts nach hinten. Man muss daher nicht so stark arbeiten wie bei anderen soft abgestimmten 150er-All-Mountains. Umgekehrt ermöglicht das Konzept, den langen Federweg mit so viel SAG einzustellen, dass man die 155 Millimeter auch ausnutzt. Der Blick auf die Kennlinie bestätigt die Erwartungen.

Das Cannondale Jekyll im Praxis-Test

In der Praxis heißt das: Senkt man die Gabel ab und schaltet man das Fahrwerk mit dem rechten Daumen in den Elevate-Modus, spannt das Bike die Muskeln. Im Vergleich zum Automobil wäre das gleichbedeutend mit dem Druck auf die Sport-Taste beim Porsche 911. Das Bike wird aggressiver, das Fahrwerk straffer, die Gasannahme giftiger – hätte das Jekyll einen Sportauspuff, würde auch der seine Klappen öffnen. Wie beim Jekyll anno 2000 steht einem Transalp-Renneinsatz nichts im Weg. In den 11,7 Kilo des Ultimate stecken eine Teleskop-Stütze mit Fernbedienung und 2,4 Zoll dicke Reifen. Ich würde mir einen zweiten Laufradsatz präparieren, mit schnellen, leichten 2,2-Zoll-Reifen und Latex-Milch statt Schlauch. Wer mit Marathon nix am Hut hat, sondern schweres Terrain liebt, könnte sogar eine 160er-Fox-Talas einbauen und noch fettere Pneus aufziehen. So hätte man ein vielseitiges, 13 Kilo leichtes Mini-Enduro.

Die beim Ultimate montierte Zweifach-Kurbel ist Geschmackssache – ich habe bei Zweifach immer das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Fest steht, dass man mit Zweifach vorne häufiger schalten muss als mit Dreifach, wo man mit dem 32er-(mittleren)-Kettenblatt und der 11-36er-Kassette fast jede Topografie abdeckt. Auch der 740er-Lenker ist mir persönlich etwas zu breit. Doch das Problem lässt sich mit der Säge lösen.

Cannondale Jekyll Ultimate Federkennlinien

Wie straff das Jekyll-Heck im kurzen 98-mm-Federweg (Elevate-Mode) ist, zeigt die Kennlinie deutlich. Ein Sportfahrwerk fürs Klettern. Im Flow-Mode laufen die Kennlinien von Gabel und Hinterbau fast deckungsgleich, die Harmonie ist spürbar, dennoch liefert das Fahrwerk gute Rückmeldung übers Terrain.

Tja, über eines muss man natürlich noch reden: 7499 Euro für ein Bike entbehren jeder Vernunft, lassen Vergleiche mit Motorrädern, ja sogar Autos zu. Auf der anderen Seite sind sie wenigstens angemessener als 8499 Euro für das Scalpel Team. Fest steht, dass die Top- Modelle, wie das Jekyll Ultimate eins ist, von 2010 auf 2011 viel teurer geworden sind. Im Falle des Jekyll warten wir seit Monaten auf die Lieferung des Vernunftmodells Jekyll 3 für 3299 Euro. Bisher waren aber nur Jekyll 1 (siehe BIKE 3/11->) und das Ultimate verfügbar.

Fazit zum Cannondale Jekyll Ultimate

Mit 138,25 kassiert das Jekyll Ultimate die meisten jemals im BIKE-Test vergebenen Punkte. Es leistet sich keine Schwäche, ist so universell wie kein anderes Bike, aber extrem teuer. Gut, dass die günstigeren Jekylls mit den grundsätzlich gleichen Genen bestückt sind. 

Web: www.cannondale.com

Vergleichstabelle Cannondale Jekyll Ultimate

1) Rahmen mit Dämpfer, 2) STW = Stiffness-to-weight-Faktor, 3) Theor. Antriebseinflüsse errechnet mit Igorion-Software, Punkte für Wippen/Pedalrückschlag, 4) Basis: BIKE-Rahmenwertung

¹) Das BIKE-Urteil ist preisunabhängig. BIKE-Urteile: super, sehr gut, gut, befriedigend, mit Schwächen, ungenügend.

Wie straff das Jekyll-Heck im kurzen 98-mm-Federweg (Elevate-Mode) ist, zeigt die Kennlinie deutlich. Ein Sportfahrwerk fürs Klettern. Im Flow-Mode laufen die Kennlinien von Gabel und Hinterbau fast deckungsgleich, die Harmonie ist spürbar, dennoch liefert das Fahrwerk gute Rückmeldung übers Terrain.

Fotostrecke: Kaufberatung Cannondale Jekyll Ultimate

JEKYLL & DIE KONKURRENZ

Cannondale Jekyll Ultimate

Cannondale Jekyll Ultimate

Cannondale Jekyll Ultimate Steuerrohr

Das 1,5 Zoll dicke Steuerrohr ist eine der Maßnahmen, die das Jekyll-Fahrwerk zu dem steifen Präzisionswerkzeug macht, das es ist.

Cannondale Jekyll Ultimate Kurbel

Die Cannondale-Hollowgram-Zweifach-Kurbel ist Geschmackssache, spart aber Gewicht. Der tief liegende Dämpfer optimiert den Schwerpunkt.

Cannondale Jekyll Ultimate X12-Achse

Die X12-Achse bringt Steifigkeit, erschwert aber den Radausbau. Alle Gelenke und Achsen des Hinterbaus sind im Sinne der Steifigkeit üppig dimensioniert.

Die Rahmenwertung finden Sie unten als PDF-Download.

Im Umfeld der direkten Konkurrenz steht das Jekyll-Fahrwerk sehr gut da.

1) Rahmen mit Dämpfer, 2) STW = Stiffness-to-weight-Faktor, 3) Theor. Antriebseinflüsse errechnet mit Igorion-Software, Punkte für Wippen/Pedalrückschlag, 4) Basis: BIKE-Rahmenwertung

KAUFBERATUNG: Cannondales Jekyll gibt's ab 2499 Euro:

Testbrief: Cannondale Jekyll Ultimate

Hersteller/Modell/Jahr Cannondale Jekyll Ultimate/2011
Fachhandel/Versender Fachhandel
Herstellerangaben
Allgemeine Infos Cycling Sports Group, 0031/541-589898,
www.cannondale.com
Material/Grössen/Testgrösse Carbon/H: S, M, L, XL / L
Preis / Preis (Rahmen) 7.499,00 Euro / 2.999,00 Euro
BIKE-Messdaten
Gewicht ohne Pedale 11,70 kg
Lenk-/Sitzrohrwinkel 67,7 °/73,3 °
Vorbau-/Oberrohrlänge 90,0 mm/616,0 mm
Radstand/Tretlagerhöhe 1.155,0 mm/350,0 mm
Federweg Vo. min/max, Hi. min/max 121,0 mm/149,0 mm, 98,0 mm/155,0 mm
Übersetzung 2-fach
BB Drop/Reach/Stack 9 mm/440 mm/588 mm
Ausstattung
Gabel/Dämpfer Fox 32 Talas Fit RLC QR15/Fox Dyad RT2
Kurbel/Schaltwerk/Schalthebel Cannondale SL/SRAM XX/SRAM XX
Bremsanlage/Bremshebel Avid XO/Avid XO
Laufräder/Reifen Crank Brothers Cobalt/Schwalbe Nobby Nic 2.4, Schwalbe Nobby Nic 2.4
BIKE Urteil1 super
1 Das BIKE-Urteil gibt die Labormesswerte und den subjektiven Eindruck der Testfahrer wieder. Das BIKE-Urteil ist preisunabhängig. BIKE-Urteile: super (150-125 P.), sehr gut (124,75-110 P.), gut (109,75-90 P.), befriedigend (89,75-65 P.), mit Schwächen, ungenügend.
Christoph Listmann am 15.04.2011