John Tomac Downhill WM 1990 Unterlenker John Tomac Downhill WM 1990 Unterlenker

Lenkerkonzepte der MTB-Hersteller

Mountainbike-Lenker: 5 Konzepte im Vergleich

Christian Artmann am 04.03.2016

Der Mountainbike-Sport ist innovativ und vielfältig. Dennoch scheint sich die Bike-Welt jahrelang auf eine Lenkergrundform eingefahren zu haben. Doch nun kommt Bewegung in den Markt der MTB-Lenker.

Durango, Colorado, im Jahr 1990: John Tomac steht bei der ersten Downhill-WM der Geschichte mit einem Rennradlenker am Start. Im Finale schafft es Tomac auf Platz vier. Bedeutender aber: Die Aktion macht "Johnny T." schon damals zur Legende – mit diesem Coup fuhr er sich auf die Titelseiten von Bike-Magazinen in der ganzen Welt. Vielleicht war der Marketing-Effekt der eigentliche Grund, warum Tomac die Bike-Szene mit einem Rennradlenker vorführte. Und auch wenn sein Lenker zu extrem war, um Produktentwicklern ernsthafte Anstöße zu geben, wirft die Gegebenheit doch die Frage auf: Warum gaben sich die meisten Biker bislang mit nur einer einheitlichen Lenkergrundform zufrieden? Warum zeigte sich die Industrie so wenig experimentierfreudig? Bei allen Bemühungen um Individualität ist man gerade bei dieser Schnittstelle Mensch/Bike ausgesprochen konservativ: 5 bis 9° Kröpfung, eine Breite von 700 bis 760 mm und zwischen 0 und 30 mm Rise. Dabei leiden viele Biker auf längeren Fahrten unter Handgelenks-, Schulter- und Rückenschmerzen. Beschwerden, die oft mit einer falschen Sitzposition und Armhaltung zusammenhängen. Da macht es durchaus Sinn, bei den ergonomischen Überlegungen auch über Alternativen zum heute üblichen "Einheitslenker" nachzudenken – zumindest für gewisse Zielgruppen.

Die Laufradentwicklung zeigt, dass die Branche sich aus Konventionen befreit und dass auch der Endverbraucher bereit ist, sich auf Paradigmenwechsel einzulassen. So verwundert es nicht, dass neuerdings auch avantgardistischen Lenkerformen mehr Bedeutung beigemessen wird. Der Rennradlenker wird es dennoch nicht ans Cockpit eines Mountainbikes schaffen.

Mountainbike-Lenker: 5 Lenkerkonzepte im Vergleich

Der MTB-Lenker: Hebel mit komplexen Formen
Drei Grundmaße definieren einen Lenker: Die Breite (A), die Erhöhung gegenüber der Klemmung (= Rise) und die Kröpfung (= Sweep, B). Mit mehr Kröpfung steigt auch der Einfluss auf die Sitzhaltung. Indem die Handposition nach hinten oder vorne verschoben wird (C), ändert sich so die effektive

Auch auf die Lenkerbreite kommt es an

Früher waren Lenker selten breiter als 600 mm. Doch wir haben dazugelernt, und so sind wir heute bei durchschnittlich 720 bis 760 mm angelangt. Und das ist gut so. Schließlich ist der Lenker auch der Hebel, auf dem sich der Fahrer abstützt und über den die Lenkimpulse übertragen werden. Breite Lenker sind vor allem im technischen Gelände von Vorteil. Die Breite bringt Sicherheit und Kontrolle für Anfänger genauso wie für Fahrtechnikexperten. Allerdings sollte die Breite auch auf die Statur des Fahrers angepasst sein. Zu breite Lenker werden unhandlich und erfordern mehr Körpereinsatz als sinnvoll. Nur echte Hünen brauchen über 800 mm. Aber auch zierliche Frauen kommen oft mit Lenkern ab 680 mm bestens zurecht. Darum: Im Zweifelsfall einen etwas breiteren Lenker nehmen und verschiedene Griffweiten in Ruhe ausprobieren. Kürzen kann man den Lenker immer noch.

Mountainbike-Lenker: 5 Lenkerkonzepte im Vergleich

Lenkerbreiten bei Mountainbikes früher und heute – der Unterschied ist deutlich.

Interview mit Dr. Kim Tofaute (Ergonomie-Experte)

Mut zur individualisierung: NIcht alle Biker sind gleich!

Dr. Kim Tofaute

Ergonomie-Experte Dr. Kim Tofaute

BIKE: Derzeit hat sich die Industrie auf eine fast einheitliche Lenkerform eingeschossen. Macht es Sinn, so "eng" zu denken?
Dr. Kim Tofaute: Richtig, der Mainstream folgt einem recht einheitlichen Schema. Dabei reicht das Spektrum der Biker von der zierlichen Frau um 1,60 m bis zum großen Mann von über 1,90 m. Hier immer den gleichen Lenker zu verbauen, ist doch ein recht grober Kompromiss. Hinzu kommen noch unterschiedliche Fahrstile, Könnensstufen und Streckencharakteristiken. Da frage ich mich auch, ob es sich die Industrie hier nicht zu einfach macht.

Gibt es aus anatomischer Sicht gute Argumente, alternative Lenkerformen auszuprobieren?
Der Sweep des Lenkers soll dem Biker helfen, eine natürliche Arm- und Handhaltung einzunehmen. Mit dem Rise kann man die Sitzposition anpassen. Insbesondere bei Beschwerden an Händen, Armen, Schultern, Nacken und Rücken sollte man durchaus mit alternativen Formen experimentieren und das vorhandene Optimierungspotenzial ausloten.

Gibt es Einschränkungen, wo die aktuellen Formen wirklich im Vorteil sind, oder ist es eher eine Sache der individuellen Vorlieben, was besser funktioniert?
Der Lenker ist ein wichtiges Bindeglied zum Körper, aber grundsätzlich ist die Anpassungsfähigkeit des Körpers sehr hoch. Deswegen funktionieren die aktuellen Standards auch für viele. Aber es macht Sinn und einfach mehr Spaß, mit einer individuell angepassten Position auf Dauer beschwerdefrei zu fahren.

Wie spielt der Einsatzbereich hier hinein?
Der eine Biker fährt vorwiegend Strecke und hat die Arme fast gestreckt, ein anderer legt seinen Fokus bergab und hat deswegen eine völlig andere Idealhaltung. Man sollte den Lenker deswegen nach anatomischen, aber auch fahrtechnischen Aspekten auswählen. Da sind Lenker abseits vom Mainstream oft eine interessante Alternative zu einer besseren Ergonomie. Eine weitere Möglichkeit, das Cockpit zu tunen, sind ergonomische Griffe. Auch hier wird die Handhaltung und Sitzposition optimiert.

Dein Fazit zu dem Thema?
Man kann oft mehr rausholen… aber nur, wenn man experimentierfreudig ist. Professionelle Hilfe von Händler, Bike-Fitting oder Fahrtechnik-Coach macht dahingehend Sinn.

Der Mut, mal etwas Neues auszuprobieren, zahlt sich oft aus. (Chris Artmann, BIKE-Tester)

Chris Artmann

Chris Artmann, BIKE-Tester

„Wie bei allen Kontaktpunkten geht es auch beim Lenker um persönliche Vorlieben und subjektive Wahrnehmung. Deswegen gibt es hier kaum allgemeingültige Aussagen – jeder sollte frei für sich entscheiden, was passt. Ich bin aber überzeugt, dass viele Fahrer ihren idealen Lenker noch nicht gefunden haben. Lieber also einmal selber ausprobieren und erst dann urteilen. Ich selbst bin bei dem Test übrigens auf meinen neuen persönlichen Favoriten gestoßen – den Answer.“

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Christian Artmann am 04.03.2016
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