Meister-Werkstatt: Florian Ohnesorg - Europameister der Bike-Mechaniker Meister-Werkstatt: Florian Ohnesorg - Europameister der Bike-Mechaniker

Meister-Werkstatt: Fahrrad-Mechaniker Florian Ohnesorg

Zu Besuch bei Schrauber-Europameister Florian Ohnesorg

Henri Lesewitz am 20.05.2017

Ein Ort im tiefsten Allgäu, in dem es weder Ampeln noch Graffitis gibt. Trotzdem war neulich das Fernsehen dort. Wegen Florian Ohnesorg, dem 2016 gekrönten Europameister der Bike-Mechaniker.

Ein Team vom Bayerischen Rundfunk war da. Die Quotengeilen von RTL oder Vox dagegen haben sich nicht gemeldet. Florian Ohnesorg (27) zuckt mit den Schultern. Ist ihm ganz recht so. Der Triumph, der ihm ein klitzekleines bisschen Ruhm beschert, ist schließlich seriöser Art und keiner dieser schwachsinnigen Titel vom Rande der Leistungsgesellschaft, die Jahr für Jahr das Guiness Buch der Rekorde füllen. Deutscher Meister im Zucchini-Züchten, Weltrekordhalter im Döner-Essen, all die pokalgekrönten Absurditäten, nach denen sich die Macher der frühabendlichen Gaga-Sendungen die Finger lecken.

"Damit hat mein Titel nichts zu tun", sagt Florian. Er kennt die irritierten Blicke der Leute, wenn sie von der Europameisterschaft der Bike-Mechaniker hören. Ist ja nun mal nichts, worüber im Aktuellen Sportstudio berichtet wird.

"Europacup of bicycle mechanics", steht auf dem gläsernen Pokal. Er sieht ein bisschen mickrig aus verglichen mit dem adelsgleichen Klang, den das Wort Europameister umflirrt. Und auch der dazugehörige Sachpreis, eine Luftpumpe, könnte eher dem Grabbeltisch einer Tombola entstammen. "Mehr geht nicht", hackte der Redakteur des Münchner Merkurs in die Tastatur, die überschaubare Teilnehmerzahl aus gerade mal vier Ländern nicht verschweigend. Der Artikel liest sich dennoch wie der Bericht über einen dramatischen Sportwettkampf.

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Florian liest Einbauanleitungen, wie andere Menschen Bukowski-Romane. Er besitzt ganze Ordner voll davon. Und man fragt sich, ob das vielleicht an der Abgeschiedenheit Ingenrieds liegt. So kann er nun den gläsernen Europameister-Pokal in der Sonne glänzen lassen.

"Es gibt ein Foto von mir, wo ich auf die Verkündung des Resultats warte. Da sieht man richtig, wie ich leide. Ein richtiges Nervenwrack", wischt sich Florian den virtuellen Schweiß von der Stirn. Er hält kurz inne, zig Anekdoten wollen gleichzeitig über seine Lippen quellen. Mit welcher soll er anfangen? Kaskadenartig sprudeln die Sätze schließlich aus ihm heraus. Wie er gleich bei der ersten Disziplin – "Wechsel eines Gates-Riemen plus Schaltgriff-Service und Zugwechsel an einer Rohloff Speedhub" – eine top Punktzahl vorlegte. Wie er dann bei Disziplin sechs – "Montage und Entlüftung einer Magura-MT7-Scheibenbremse" – durch die starke Schweizerin unter Druck geriet. Und wie er schließlich, nach acht Disziplinen, im tosenden Applaus der Zuschauer zum Sieger gekürt wurde. Mit 157 von 160 möglichen Punkten. Ein seliges Lächeln macht sich auf Florians Lippen breit. Er weiß: Der Lohn des Sieges ist nicht der Pokal und schon gar nicht die Pumpe. Es ist die große Chance, das Leben zu führen, von dem er seit Jahren träumt.

Ingenried im Allgäu, 900 Einwohner, Spitzdachhäuser, eine Kirche, drumherum Felder und in Ruhe gelassene Landschaften. Es ist das, was Romantiker ein Idyll nennen und Frei-raus-Formulierende ein Kuhdorf. Florian zählt zu letzteren, doch es ist nun mal sein Heimatort. Vor Jahren habe er mal versucht wegzuziehen – nach der Schule, als er Eurofighter-Pilot bei der Bundeswehr werden wollte. Die Sehnsucht nach Daheim sei aber so übermächtig gewesen, dass er die Ausbildung abgebrochen habe, plaudert Florian. Er studierte schließlich Maschinenbau und begann im Anschluss noch eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann in einem Bikeshop. Ein erster, schüchterner Versuch, Hobby und Beruf miteinander zu verzurren. Natürlich zum Scheitern verurteilt. Denn es war ja das Schrauben, das die Flammen der Leidenschaft in ihm knistern ließ. Weswegen Florian gleich noch eine Ausbildung zum Zweiradmechaniker hinterherschob. Das einmal Menschen aus fernen Städten nach Ingenried kommen würden, um ihre Bikes von ihm reparieren zu lassen, hätte er nie zu träumen gewagt. Letzte Woche kam extra einer aus Stuttgart. Zwei Autostunden Anreise. Nur, um einen defekten Dämpfer zu bringen. Die Magie des Pokals.

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Ein Mountainbike ist die Summe aus hunderten Einzelteilen. 

"Ich kann es immer noch nicht glauben", sagt Florian, den Blick in die dunklen Tiefen des Raumes gerichtet, der momentan seine Werkstatt ist. An den Wänden hängen antike, rostige Werkzeuge, die einen interessanten, morbiden Kontrast zu den nagelneuen Präzisionsutensilien bilden, die ansonsten herumstehen. Um nach dem EM-Sieg sofort loszustarten, ist Florian erst mal in die alte Spenglerei seines verstorbenen Vaters eingezogen. "Flow Bikes", steht auf einem Schild neben dem Eingang, der eigentlich ein Garagentor ist.

"Laufkundschaft gibt es hier eher nicht", sagt Florian und lässt ein Fully im elektrischen Montageständer nach oben surren. Wenig später liegt der Dämpfer in alle fieseligen Einzelteile zerlegt auf der blitzblanken Arbeitsfläche. Es piept kein EKG. Doch man muss unweigerlich an Grey’s Anatomy denken, die OP-Seifenoper.

Es gibt Berufsbezeichnungen, die klingen nach Kompetenz, Verantwortung und mehrjährigem Hochschulstudium. Front Desk Experience Manager, beispielsweise. Was tatsächlich aber nur die verhipsterte Version des Wortes "Schwimmbad-Kassierer" ist. Und es gibt Berufe, die nach schlichtem, grobem Rumgefuhrwerke klingen, obwohl sie hochkomplexer Natur sind. Zweirad-Mechaniker zum Beispiel. Wer sich während der dreieinhalb Jahre langen Ausbildung auf den Bereich Fahrrad spezialisiert, muss fingerfertig sein, vor allem aber komplizierte physikalische Zusammenhänge, Materialeigenschaften und Einbaustandards aus dem Effeff kennen. Moderne Mountainbikes sind divenhafte Hightech-Flitzer, die penible Behandlung erfordern. Eine einzige zu fest angezogene Schraube kann verheerende Folgen haben. Zudem findet sich auch immer mehr Elektronik an den Bikes, weswegen die Berufsbezeichnung inzwischen in "Zweirad-Mechatroniker" umgewandelt wurde.

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Beim Flottmachen von Dämpfern kommt es auf Zehntelmillimeter und chirurgische Präzision an. 

"Manche behaupten von sich, sie seien eher Praktiker", sagt Florian: "Genau das ist eigentlich ungut. Bevor man ein Innenlager einbaut, sollte man genau wissen, welches passt. Alles andere ist Murksen."

Von den Meisterschaften, bei denen jährlich die besten Schrauber ermittelt werden, hörte Florian zum ersten Mal während der Ausbildung. "Praktischer Leistungswettbewerb des deutschen Handwerks", heißt die Veranstaltung zum Abschluss der Gesellenprüfung. An sechs Stationen müssen die Teilnehmer Aufgaben lösen, die ihnen jeweils erst vor Anpfiff mitgeteilt werden. Es geht um Zeit, aber auch um Dinge wie Präzision und Sauberkeit am Arbeitsplatz. Die Veranstaltung gilt in der Branche als Deutsche Meisterschaft der Zweirad-Mechaniker. Die besten Azubis aller Bundesländer gehen an den Start, die zwei Erstplatzierten dürfen zur EM. Florian gewann überlegen. Monatelang hatte er zuvor bis in die Nacht hinein Einbauanleitungen gelesen. Jene tischdeckchengroßen Faltblätter, die jeder Verpackung beiliegen, um dem Käufer staubtrocken den Anbau von – beispielsweise – dem Umwerfer-Modell Shimano FD-M591 zu erklären. Florian besitzt Ordner voll davon. Jede Anleitung, der er habhaft werden kann, heftet er ab. Man fragt sich, ob es an der Abgeschiedenheit Ingenrieds liegt, dass ein junger Mensch wie Florian in der Freizeit Gebrauchsanweisungen liest. Quasi aus Verzweiflung. Ein rasselndes Lachen hallt durch die Werkstatt:

"Quatsch! Mich interessiert das wirklich." Alles eine Frage der Einstellung.

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Die alte Spenglerei des Vaters stand nach dessen Tod leer. Florian nutzt die Räume übergangsweise als Werkstatt. Demnächst will er in ein moderneres Gebäude am Ortsrand umziehen.

Dass die EM seine große Chance war, vielleicht die größte, die sich ihm je bieten würde, ahnte Florian, als er die gewaltige Messehalle im Tschechischen Brünn betrat, in deren Rumpf der Wettbewerb ausgetragen wurde. Und vielleicht, so glaubt er rückblickend, führte ja auch eine höhere Macht Regie. Am Tag vor der Abreise hatte ihn ein Kumpel gebeten, den Schaltzug seiner Rohloff-Nabe zu wechseln. Florian hatte keinen blassen Schimmer, wie das geht, konnte das Problem aber schließlich lösen.

"Und was kam beim Wettkampf dran?", fragt Florian, um die Antwort sogleich in feinster Showmaster-Manier in die Stille krachen zu lassen: "Schaltzugwechsel bei einer Rohloff-Nabe! Fast schon unheimlich!"
Wäre vielleicht doch eine ganze nette Story für RTL oder Vox. Falls denen mal die Zucchini-Weltrekordler ausgehen, können sie sich ja melden.

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Ist das Kunst, oder kann das weg? Weder, noch. Die Disc aus kohlefaserverstärktem Siliziumkarbit wurde über die Online-Plattform Kickstarter finanziert. Florian war als Kleininvestor eingestiegen.


JOB INFO

Berufsbezeichnung   Zweirad-Mechatroniker
Dauer   3,5 Jahre
Qualifikation   Fahrräder reparieren, warten, montieren – wer gerne an Bikes schraubt, ist in diesem Beruf genau richtig. Ein Hauptschulabschluss reicht, um sich für einen Ausbildungsplatz bewerben zu können. Der Beruf Zweirad-Mechaniker wurde 2014 in Zweirad-Mechatroniker umgewandelt, da an Fahrrädern immer öfter elektronische Teile verbaut werden: Schaltungen, Dämpfersteuerungen, ja sogar Zusatz-Motoren.

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Noch zu gebrauchen oder reif für die Schrottkiste?

Henri Lesewitz am 20.05.2017
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