Tschechien: Singletrail-Paradies Pod Smrkem Tschechien: Singletrail-Paradies Pod Smrkem

Tschechien: Singletrail-Paradies Pod Smrkem

Pod Smrkem - der älteste Trailpark in Europa

Henri Lesewitz am 10.04.2017

Manche nennen Tomáš Kvasnicka den „Robin Hood des Mountainbikens“. Andere werfen ihm „McDonaldisierung“ vor. In seinem künstlichen Singletrail-Paradies stören weder Kiesel noch Steilrampen.

Ein paar Plattenbaustumpen. Ein Marktplatz, der Shopping-Interessierten nichts zu bieten hat. In Seitengassen Bars, von denen man lieber nicht wissen will, was sich des Nächtens in ihnen abspielt.

Das Navigationsgerät hat schon vor Minuten die Zielankunft vermeldet. Doch ich warte noch immer drauf, beeindruckt zu sein. Das also ist er, der von sagenhaften Geschichten umflirrte Ort. Das Mountainbike-Paradies, das Durango Europas. Der Flecken, an dem sich die Super-Singletrails angeblich derart geschmeidig die Bergflanken entlangwinden, dass sich selbst die Anstiege wie Downhills anfühlen.

"Ey, echt: wie Erdmagnetismus!", hatte mir mein Berliner Kumpel Hagen nach seinen Besuchen ständig vorgeschwärmt, als sei er auf das achte Weltwunder gestoßen. Meine Güte, warum lässt man sich immer so bequatschen? Die Region, in der ich wohne, führt seit Jahrzehnten die Tourismus-Charts an. Und ich gurke fünf Stunden lang mit dem Auto ins tschechische Randgebiet, um mich vermeintlichem Erdmagnetismus hinzugeben. Na super. Nach Mountainbike-Hochburg sieht das hier ganz und gar nicht aus. Eher nach einer in Hoffnungslosigkeit erstarrten Stadt. Die Zunge hat ihre liebe Mühe damit, den sperrigen Namen über die Lippen zu bugsieren: Nové Mesto pod Smrkem.

Tschechien: Singletrail-Paradies Pod Smrkem

Tschechien: Singletrail-Paradies Pod Smrkem

Das "Singltrek Centrum" befindet sich etwas außerhalb und bildet – puh, Glück gehabt – einen scharfen Kontrast zum Ambiente des Ortes. An der Bike-Station, die im Stil eines Westernsaloons errichtet wurde, herrscht entspannte Betriebsamkeit. An den Tischen fläzen Mountain­biker und tun sich an Erfrischungsbieren gütlich. Ein Grüppchen Lycra-Männer rollt in Richtung des Trail-Einstiegs. Weiter hinten, auf der Wiese, werden Iglu-Zelte aufgebaut. Es riecht nach Grillwurst. Aus den Boxen perlen Beats, wie sie auch Gäste sogenannter Wellness-Oasen befürworten. Nichts zu spüren von der testosteronschwangeren Atmosphäre, wie sie in Downhillparks üblich ist. Es scheint eher eine Begegnungsstätte für alle zu sein, die ein Bike besitzen. Ein Destillat aus allen Sparten. Graumelierte Gelegenheits-Biker, Enduro-Popper, Touren-Radler mit verwitterten Styroporschalen auf den Köpfen, leistungsorientierte Vollcarbon-Raser. Und auffällig viel Kinder. Was tatsächlich ein Hinweis auf Erdmagnetismus sein könnte. Wie sonst schaffen es Fünfjährige auf die Hügel, von denen sich einige ziemlich keck aus der Landschaft stülpen? Es gibt ja
keinen Lift.

Hagen und Kumpel Jonas warten schon. Am Morgen sind sie in Berlin losgefahren. Dreieinhalb Stunden auf Autobahnen und Landstraßen. Trotzdem wollen sie sofort auf die Bikes. Wochenlang haben sie dem Besuch des Trailcenters entgegengefiebert. Da darf natürlich keine Minute mit Rumstehen vertrödelt werden.

"Ey, weißt Du, was das größte Problem hier ist?", grinst Hagen, um die Antwort wie einen Vorfreudebeschleuniger hinterherzuschieben: "Man kommt ständig an Bauden vorbei, wo der halbe Liter Bier einen Euro kostet. Und die Bäume stehen an manchen Stellen ziemlich eng für einen Siebenhundertzwanziger-Lenker."

Tschechien: Singletrail-Paradies Pod Smrkem

Reporter Henri Lesewitz fand Bikeparks eigentlich dubios. Seine Kumpels Jonas und Hagen überredeten ihn zum Pod-Smrkem-Besuch – darauf ein Prost! 

Ich komme nicht mehr dazu, etwas zu erwidern. Hagen und Jonas wieseln bereits mit flinken Tritten los. Den rüttelfreien Zubringer-Trail entlang. Die Straße am Grenzübergang zu Polen rüber. Dann rein ins Singletrail-Geflecht.

"Kannst’ volle Möhre langschmirgeln!", ermuntert Hagen zu ungehemmter Gangart, die Bäckchen ganz rot vor Aufregung: "Alles richtungsgebunden! Da kommt nix entgegen!"

Ich speise ein paar mehr Watt in die Pedale, doch meine Skepsis ist nach wie vor groß. Die Welt ist voller Wege, Pfade, Schotterstraßen. Wieso soll man sich von einer Kunstpiste die Richtung aufzwingen lassen, die dazu so dermaßen glatt im Wald liegt, als wäre sie mit Estrich ausgegossen? So ein Aufwand! Nur, um die Stresshormone ruhigzustellen, um deren Stimulierung es beim Singletrail-Fahren doch eigentlich geht. Oder etwa nicht?

Was wurde nicht schon alles probiert, um Biken massenkompatibel zu machen! Vollfederungen wurden erfunden, damit das Geholpere ein Ende hat. Lifte wurden mit Halterungen für Bikes ausgestattet, um die Schweißdrüsen der Bewegungsfaulen zu schonen. Inzwischen werden sogar Motoren in Mountainbikes eingebaut, damit man sich gar nicht erst zum Lift hinbemühen muss. Eine ganze Generation von Ingenieuren hat sich daran abgearbeitet, das Spröde und das Anstrengende aus dem Sport herauszufiltern. Ihnen müssen doch vor Gram die Mundwinkel beben, angesichts des allerneuesten Trends: Flowtrails. Wenn die Biker zu ungeschickt zum Biken sind, wird eben der Trail an ihre motorischen Fähigkeiten angepasst. Ein gänzlich neuer Ansatz, der Action-Biken plötzlich auch ohne Vorkenntnisse, Lifte und Monsterfederwege ermöglicht. Überall entstehen Strecken. Doch nirgendwo gibt es ein derart ausuferndes Geflecht wie in Pod Smrkem. Die mehr als 50 Einzelsegmente lassen sich zu einer 80 Kilometer langen Schleife kombinieren. Weil die Touristenzahlen Jahr für Jahr anschwellen, haben sie drüben in Polen einfach frech 20 Trail-Kilometer angebaut, um auch Biker-Besuch zu bekommen. Das muss man sich mal vorstellen.

"Jetzt wird’s richtig geil!", ruft Hagen und biegt mit einer zackigen Lenkbewegung in die schwarze Piste namens "Okolo Medence", was immer das heißen mag.

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Der Trail ist nur schulterbreit. Es ist weniger ein Weg, sondern vielmehr eine furiose Aneinanderreihung von Kurvenkombinationen. Vertont vom Summen der Reifen, die auf dem kieselfreien Untergrund maximal haften, bringe ich das Bike auf Speed. Linkskurve, Rechtskurve, links, rechts, links, rechts. Wie im Rausch pese ich durch die Baumgasse, die Augen auf das schmale, braune Band fokussiert, das sich wie eine wild gewordene Anakonda durch die Landschaft windet. Die Finger lauern an den Bremshebeln, bleiben aber arbeitslos. Ein blitzschnelles Lenkerzucken reicht in den meisten Fällen aus, um die Schikanen zu durchrasen. Links, rechts, rechts, links! So muss sich Downhill-King Gee Atherton fühlen, huscht mir ein Gedankenexpress durch den Kopf, während mich ein herrliches Gefühl von Kompetenz und Unverwundbarkeit durchströmt. Es ist das exakte Gegenteil jenes Nervenkitzels, der auf alpinen Höllenpisten schnell mal in Todespanik umschlägt.

Man zittert vor Angst, klickt ein, überschlägt sich und bekommt ein 10er-Rezept für die Physiotherapie. Mehr gibt es zum Erlebnis Alpenabfahrten oft nicht zu sagen. Hier dagegen durchströmt mich ein herrliches Gefühl von Kompetenz und Unverwundbarkeit.

Es geht hier die ganze Zeit leicht bergauf. Der Erdmagnetismus? Vielleicht! Aber falls ja: Wie ist das dann nachher bergab, wenn sich der Ansaugeffekt in Abstoßwirkung umkehrt? Pluspol, Minuspol und so.

"Ey, bei dem Slalom muss man aufpassen, dass der Steuersatz nicht verschleißt", grinst Hagen, als wir schließlich am legendären Picknick-Kiosk Hubertka aus den Pedalen klicken. Hossa! Für mich waren Trailparks immer das Gegenteil von artgerechtem Biken. Aber das hier: leider geil! Wäre hier ein Tattoo-Stand, ich würde mir direkt "Pod Smrkem, yeah!" auf den Unterarm stechen lassen.

Die Sonne taucht bereits hinter den Hügeln ab, als wir angenehm groggy das Singltrek Centrum erreichen. Die Tische im Gastro-Bereich sind gut gefüllt. Die Beats perlen nicht mehr ätherisch, sondern drücken jetzt so kraftvoll aus den Boxen, wie es nasenflügelgepiercte Großstadtjugendliche befürworten. Es ist "Bike Yo House Party". Auf dem Pumptrack cruisen glückliche Kinder. Im Camping-Bereich flackern Lagerfeuer. Über allem liegt der Duft von Grillwurst. Festival-Atmosphäre.

Tschechien: Singletrail-Paradies Pod Smrkem

Im Trailcenter Pod Smrkem lodert das Lebensgefühl Biken auf voller Flamme. Wer will, stellt sein Zelt einfach neben der Bike-Station auf. 

Tomáš Kvasnička (39) sitzt mittendrin im Gewusel. Ein bulliger Typ mit der Aura eines Holzfällers. Vollbart, Stiernacken, wirre Haare. In der Hand hält er sein Feierabendbier. Wobei es sicher nicht sein letztes Feierabendbier für heute sein wird. Die Party wird bis in die frühen Morgenstunden gehen, und er wird derjenige sein, der das Licht ausknipst. Tomáš ist der Chef vom Singltrek Centrum. Es gibt Leute, die sagen, er sei der "Robin Hood des Mountainbikens". Man muss ihn nur ansprechen. Dann sprudeln die Worte aus ihm heraus wie Wasserfontänen aus einem Geysir.

"Ich befinde mich im Kampf, jeden Tag", sagt Tomáš. Und dann erzählt er die Geschichte vom Bikepark, die ein Stück weit auch die Geschichte seines Lebens ist. Als Kind outdoor-verbundener Eltern, so Tomáš, habe er schon früh ein inniges Verhältnis zur Natur gehabt. Als dann 1989 der Eiserne Vorhang gefallen sei, habe das Mountainbike dem Ganzen noch mal eine neue Dimension gegeben. Eine Zeit lang sei er Rennen gefahren. Aber irgendwie habe er das Gefühl gehabt, dass es den puristischen Gedanken des Sports störe. "Biken ist für mich eine naturverbundene Aktivität", sagt Tomáš. Als Biken Mitte der Neunziger von Naturschützern als Bedrohung verunglimpft wurde, habe er beschlossen, zum Widerstandskämpfer zu werden. Tomáš redet jetzt laut, die Worte fegen mit affenartiger Geschwindigkeit über die Lippen. Das Thema ist für ihn hoch emotional. Jedes Detail ist wichtig. Wie er bei tschechischen Behörden jahrelang um die Legalisierung des Bikens kämpfte. Wie er während des Studiums in England, dem Mutterland der Singletrailparks, Trail-Designer Dafydd Davis kennen lernte. Wie der ihm sagte, dass man nur Erfolg haben könne, wenn die Routen für alle fahrbar seien und die Region davon profitiere. Woraufhin Tomáš ein Konzept entwickelte und es unzähligen Regionen anbot. Einen familientauglichen, sanft in die Natur gebetteten Vergnügungspark für

Biker. Aber nur der Böhmische Staatsforst erkannte die touristische Chance und zwar für das dahinwelkende Nové Mesto pod Smrkem. Mit EU-Fördergeldern wurde das Wunder schließlich wahr. Die jährliche Besucherzahl schoss von quasi Null auf über 50000 hoch. Was Tomáš aber auch einige Sorgenfalten bereitet.

"Alle wollen Profit daraus saugen", seufzt er und zeigt auf die Caravan-Fläche, die ein Investor ohne jede Sensibilität zur Natur zwischen die Bike-Station und den angrenzenden Badesee betoniert hat. Tomáš starrt stumm in die Ferne. Dann: "Einige werfen mir die McDonaldisierung des Bike-Sports vor. Okay, ich verkaufe Essen und Duschmarken. Aber das war es auch mit der kapitalistischen Seite." Parkeintritt verlangt er nicht. Der Zutritt zur Natur sei ein Grundrecht, findet Tomáš.

Die Nacht hat ihr dunkles Tuch über Nové Mesto pod Smrkem geworden. Was für eine Geschichte! Was für ein Ort! Jahrzehntelang Randgebiet. Wirtschaftlich. Strukturell. Und jetzt plötzlich: Zentrum! Mountainbike-mäßig zumindest. Gleich morgen werde ich sämtliche Kumpels anrufen und sie bequatschen, sofort herzukommen. Jetzt geht es aber erst mal in den Schlafsack. Meine Augenlieder zieht es schon bleiern nach unten.

Liegt sicher am Erdmagnetismus.

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Henri Lesewitz am 10.04.2017
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