Sea Otter Classic in Kalifornien Sea Otter Classic in Kalifornien

Reportage Sea Otter Classic in Kalifornien

Ein Tag auf Amerikas größtem BIKE-Festival

Ludwig Döhl am 02.11.2017

In Kalifornien fanden vor 40 Jahren die legendären Repack-Rennen statt. Und hier treffen sich heute 70000 Biker zum größten Mountainbike-Festival Amerikas. Wir waren einen Tag vor Ort und staunten.

Joe Breeze war beim Urknall des Mountainbikens so nah dran, dass ihm heute noch die Ohren klingeln müssten.

Am 21. Oktober 1976 veranstaltete Breeze zusammen mit ein paar Hippie-Freunden das legendäre Repack-Rennen am Mount Tamalpais. Das weltweit erste Fahrradrennen, das ausschließlich bergab und auf Schotterstraßen ausgetragen wurde, legte den Grundstein für den Siegeszug des Mountainbikes. Was Breeze und seine Gang ins Rollen brachten, lässt sich heute, nach rund 41 Jahren, im kalifornischen Monterey ablesen. Das Sea Otter Classic ist mit 70000 Besuchern, zwölf verschiedenen Mountainbike-Rennen und 450 Ausstellern das größte Mountainbike-Festival Amerikas. Hier treffen Profi-Sportler auf Hobby-Biker, Laktat auf Alkohol, und Joe Breeze trifft auf die jüngsten Sprösslinge seines Sports.

Als zwei Teenager den grau melierten Joe bitten, zur Seite zu gehen, um ein Bild von seinem alten Dodge Pick-up zu schießen, schaut Breeze etwas verdutzt aus der Wäsche. Ohne ihn würde es weder den Dodge, noch den Breezer-Stand geben. Vor allem aber würde es ohne ihn dieses Festival nicht geben. Dennoch tritt Breeze nach kurzem Zögern mit mildem Lächeln zur Seite. Seit 2008 ist Joe Breeze nur noch Angestellter bei Breezer-Bikes, und die Räder werden längst in Asien und nicht mehr in seiner Garage gefertigt. Dennoch wirkt der Breezer-Stand mit gerade mal vier Bikes unter all den großen Marken auf dem Festival wie ein Kiosk neben einem Mega-Store. Specialized, Cannondale oder Giant fahren schweres Gerät auf und zeigen ihre überprallen Bike-Paletten. 450 Aussteller zählt das Sea-Otter-Festival mittlerweile – es scheint, als hätte seine eigene Erfindung Joe Breeze wie eine riesige Welle überrollt. Dabei ist der 64-Jährige noch lange kein Treibgut im reißenden Fluss der Bike-Industrie. Doch Breeze hat sich viele Jahre lang andere Prioritäten gesetzt: Neue Mobilitätskonzepte in den Metropolen dieser Welt standen auf seiner Agenda. Mit seinen Breezer-Citybikes hat er an dieser Entwicklung mitgewirkt. Den Stress von jährlich wechselnden Modellzyklen und den überschnellen Innovationen der Mountainbike-Industrie überließ er dabei gerne den Marktriesen. Ihm geht es eigentlich nur noch darum, mehr Menschen für das Fahrrad zu begeistern. Und genau deshalb kommt er jedes Jahr zum Sea-Otter-Festival. "Manchmal vergessen die Menschen, um was es wirklich geht", sagt Breeze, stimmt eine Liebeserklärung an das Fahrrad an, lehnt sich an seinen alten Pick-up und winkt den beiden Teenagern hinterher.

Sea Otter Classic in Kalifornien

Sea Otter Classic in Kalifornien

Über die Strecke des legendären Repack-Rennens würde die 15-jährige Mckenna Merten nur lachen. In vier Jahren will sie im Downhill-Worldcup starten, aber jetzt läuft erst mal die Uhr für das Rennen beim Sea-Otter-Festival. Drei, zwei, eins, piep, und schon geht es durch die erste Kurve und über die zuschauergesäumten Sprünge im oberen Teil der Rennstrecke. Für Mckenna und die über 200 anderen Jugendlichen am Start des Downhill-Rennens bietet das Sea Otter einen einzigartigen Wettkampf. Nirgendwo ist das Starterfeld größer und die Konkurrenz stärker als hier. Für den Hippie-Spirit der Mountainbike-Urväter bleibt keine Zeit, denn bereits bei den unter 10-Jährigen entscheiden Sekundenbruchteile über die Platzierung auf der Ergebnisliste. Manche Familien reisen über 13 Stunden mit dem Auto an, um hier den Grundstein für eine sportliche Karriere ihrer Kinder zu legen. Der Plan ist dabei überall derselbe: vormittags Rennen fahren und nachmittags auf dem Festival nach Sponsoren suchen. Mckennas Vater kommt bereits seit über 20 Jahren zum Festival und hat den Bike-Virus an seine Tochter vererbt. Um sie eines Tages im Trikot der Amerikanischen Nationalmannschaft am Start eines Worldcups zu sehen, opfert er drei seiner zehn Tage Jahresurlaub. "Ich wäre ein schlechter Amerikaner, würde ich die Träume meiner Kinder platzen lassen", rechtfertigt Vater Merten seinen Einsatz.

Den ersten Worldcup-Start hat Mitch Ropelato schon lange hinter sich, aber verschwendet daran gerade keinen Gedanken. Es ist kurz vor 18 Uhr, und der Amerikaner presst sein Vorderrad gegen das Startgatter des Dual-Slalom-Kurses. Nach der Einführung des Four-Cross-Worldcups galt der Dual Slalom bereits als ausgestorben, 2011 beerdigte der Weltverband das Action-reiche Rennformat mit der Absage des Worldcups komplett. Die Zeiten, in denen Typen wie der heutige Streckensprecher Mike King oder Gravity-Ikone Brian Lopes noch um fette Preisgelder kämpften, sind längst vorbei. Für Ropelato geht es nur noch um die Ehre. Dennoch, die Dramaturgie am Hang könnte nicht besser sein. Jeweils 15 Konkurrenten haben Mitch Ropelato und der Belgier Martin Maes in den Vorläufen aus den Rennen befördert, um nun den Sieg unter sich auszumachen. Tausende Fans schwenken Stars-and-Stripes-Fahnen und brüllen die Namen ihres Favoriten. Die amerikanische Meute braucht einen Grund zum Feiern, und deshalb muss Ropelato das wichtigste noch verbleibende Dual-Slalom-Rennen der Welt gewinnen. Den ersten Lauf hat er nur hauchdünn für sich entschieden, und auch jetzt kann er den Belgier an seiner linken Seite kaum abhängen. Anlieger für Anlieger üben sich die Kontrahenten im Synchron­sport. Bei der Zieleinfahrt verschlägt es selbst Sea-Otter-Veteran Mike King die Sprache. Ein derartig engen Zieleinlauf hat er schon lange nicht mehr gesehen. Es herrscht Stille, bis die Auswertung des Zielfotos den lange ersehnten Grund zum Feiern liefert. Ropelato vor Maes. USA vor Belgien.

Sea Otter Classic in Kalifornien

Mitch Ropelato presst durch den Anlieger und gewinnt das wichtigste verbleibende Dual-Slalom-Rennen der Welt.
 

Während Ropelato Champagner bei der Siegerehrung um sich spritzt, erwachen die zwölf Campingplätze rund um den Laguna Seca Raceway zum Leben. Viel zu wenig Dixi-Toiletten für die Rund 7000 Camper und teilweise kilometerweit entfernte Duschen können hier niemanden von der guten Laune abhalten. In der Luft liegt ein süßlicher Duft von Marihuana, und vor den Zelten lodern Lagerfeuer. Und plötzlich ist da eine Sprungschanze, mitten auf dem Campingplatz. Während des Sea-Otter-Festivals gibt es zwölf offizielle Rennen, an denen knapp 10000 Athleten teilnehmen. Aber ab sofort gibt es zusätzlich einen illegalen Weitsprungwettbewerb. In Flanellhemden gekleidete Biker geben sich dem spontanen Wettkampf hin, während ein selbst ernannter Moderator Zuschauer mit einem Megafon motiviert. Alkohol und Gruppendynamik treiben einen langen Tag auf seinen Höhepunkt zu. Blaulicht und Sirene beenden diesen amerikanischen Traum eine halbe Stunde später. Irgendwann ist selbst im "land oft the free and home of the brave" Schluss mit der Party. Joints werden ausgedrückt, und Bierflaschen verschwinden in den Rucksäcken. Die Schanze wird ebenso schnell dem Erdboden gleichgemacht, wie sie entstanden ist, und alle Beteiligten verziehen sich in ihre Zelte. Hätte Joe Breeze diese Szene gesehen, er hätte wohl einmal mehr geschmunzelt – und sich vielleicht ein bisschen an die Zeiten am Mount Tamalpais erinnert.


DAS SEA OTTER FESTIVAL

Seit 27 Jahren findet das Sea Otter Classic in Monterey/Kalifornien statt. Das Festival lockt nicht nur 450 Aussteller, sondern auch Rennfahrer und Journalisten aus aller Welt an. 70000 Besucher verwandeln den Laguna Seca Raceway jedes Jahr Mitte April in ein Mekka für Mountainbiker.

Die legendären Repack-Rennen am Mount Tamalpais gelten als Geburtsstätte des Mountainbikes. Neben Joe Breeze zählen Gary Fischer, Charles Kelly und Tom Ritchey zu den Erfindern des Mountainbikens. Am 21. Oktober 2016 wurde das Mountainbike 40 Jahre alt. Breeze arbeitet bis heute an Bikes der Marke Breezer mit.

Fotostrecke: Reportage Sea Otter Classic in Kalifornien


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Ludwig Döhl am 02.11.2017
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