Salzkammergut Trophy 2017 Salzkammergut Trophy 2017

Renn-Report 20. Salzkammergut Trophy 2017

Hölle, Hölle! – BIKE war wieder mittendrin

Henri Lesewitz am 19.07.2017

Die A-Distanz der Salzkammergut Trophy in Bad Goisern gilt als größter Ausdauer-Schocker der Marathon-Szene. 900 Ausdauerhungrige hatten sich zur 20. Auflage angemeldet. Es wurde mal wieder die Hölle.

Es gibt Dinge, die überfordern jede Vorstellungskraft. Die so berühmt wie berüchtigte A-Distanz der Salzkammergut Trophy zum Beispiel. 211 Kilometer und 7119 Höhenmeter. Das Doppelte eines normalen Marathon-Klassikers. Start um 5 Uhr morgens im Dunkeln. Der pure Wahnsinn. Selbst für diejenigen, die es sich selbst angetan haben, nur schwer zu begreifen. "Einmal Hölle und zurück", lautet der Werbe-Slogan der Veranstaltung. Und dass dieses mehr als Warnung, denn als Einladung zu verstehen ist, machte diesmal alleine schon die Nummern-Ausgabe unmissverständlich klar. Während die Starterpakete für sämtliche anderen Distanzen an den üblichen Klapptischen ausgegeben wurden, mussten die Teilnehmer der A-Distanz direkt in die Hölle. Die Ausgabe war in Form einer Geisterbahn gestaltet. Künstliche Spinnenweben, Totenköpfe und ganz oben – neben einer Teufelsfratze – noch einmal in Pappmaché "gemeißelt" das Versprechen: Einmal Hölle und zurück.

Salzkammergut Trophy 2017

Einchecken mit Style: Der Zugang zur Startnummernausgabe war als Tor zur Hölle gestaltet.

Es zählt zu den großen Rätseln der menschlichen Psyche, warum sich Menschen weder von einer solchen Ansage, noch von den Leidensberichten bisheriger Finisher abhalten lassen. Seit Jahren steigt die Teilnehmerzahl der A-Distanz beständig an. Man könnte fast vermuten, gerade wegen der unfassbaren Härte, die das Rennen so mythenhaft macht. Knapp 900 Kilometerhungrige waren es dieses Jahr, die das Anmeldeformular ausfüllten. Darunter auch zahlreiche Helden vergangener Austragungen. MTB-Legende Tinker Juarez zum Beispiel, Österreichs Ultracycling-Star Gerrit Glomser und Deutschlands Marathon-Ass Stefan Danowski.

Es war die 20. Austragung. Und die wurde gebührend zelebriert. Weshalb so mancher die Vermutung äußerte, der peitschende Regen am Frühmorgen des Starts sei womöglich vom Veranstalter extra initiiert (mit einer gigantischen Duschvorrichtung?), um den Härtegrad des Rennens auf das Äußerste zu steigern. Es war nicht dieser 08/15-Regen, der aus hämatomblauen Wolken auf die Erde plumpst. Es war dieser ekelhafte, eiskalte Regen, der lotrecht vom Himmel drischt, um beim Aufprall noch einmal auf Kniehöhe nach oben zu spritzen. Mehr als 100 Angemeldete wagten sich dann doch lieber nicht an die Startlinie.

Salzkammergut Trophy 2017

Starkregen, Kälte, Dunkelheit: Der perfekte Start, zumindest wenn man es in Zusammenhang mit dem Veranstaltungsmotto betrachtet: "Einmal Hölle und zurück!"

"Gegen Mittag wird es besser!" Ein schwacher Trost.

"Gegen Mittag wird es besser!", versuchte der Streckensprecher die Fahrer aufzumuntern, die im Rest der Nacht in den Startblöcken bibberten. Ein schwacher Trost. Bis zur Mittagszeit war es noch lange hin. Zudem hatte der Wetterbericht für den kompletten Tag Regen angesagt. Bei Temperaturen von maximal 12 Grad. Im Tal allerdings! Egal, es war nur eine Hürde mehr. Die anderen hießen Distanz, Höhenmeter, Steigungsprozente, Singletrails und – die wahrscheinlich am meisten gefürchtete – Karenzzeit. Gleich sechs Limits galt es pünktlich zu erreichen. Spätestens um 21 Uhr musste man am Ziel sein. Eigentlich, denn der Veranstalter zeigte wegen des Sauwetters dann doch ein kleines Bisschen Milde. Der Zielschluss wurde um 15 Minuten nach hinten verlegt. Auf 21:15 Uhr also.

Was für eine irre Szenerie, als sich die Meute bei peitschendem Regen in Bewegung setzt. Aus den Boxen stampfen ohrenbetäubende Beats. Und war das da hinter den Absperrgittern etwa der Leibhaftige? Nun ja, zumindest ein als Teufel Kostümierter. Das Tor in die Hölle war geöffnet. Jetzt lag es an jedem selbst, den Weg bis 21:15 Uhr zurückzuschaffen. Es stand außer Zweifel, dass die Ausfallquote besonders bei dieser Jubiläums-Austragung hoch sein würde. 30 bis 40 Prozent, so der übliche Schnitt. Aber wenn man schon eine A-Distanz-Nummer am Lenker hat, dann kann man es ja zumindest versuchen.

Salzkammergut Trophy 2017

Blick auf das Höhenprofil der berüchtigten A-Distanz der Salzkammergut Trophy: Unwillkürlich zucken Bilder eines klaffenden Haifischmauls durchs Gehirn.

Begonnen hatte alles im Juli 1998. Knapp 220 Hartgesottene standen am Start der erstmals ausgetragenen Salzkammergut Trophy. Gerade mal zehn Fahrer erreichten das Ziel. Ein Mythos war geboren. Die Teilnehmerzahl stieg von Jahr zu Jahr. Aber auch das Angebot an Strecken. Inzwischen gehen über 5000 Biker auf sieben verschiedenen Strecken an den Start. Die kürzeste hat 22 Kilometer, die zweitlängste bietet immerhin 119 Kilometer auf. Der Superstar aller Strecken aber ist die A-Distanz – wahrscheinlich sogar weltweit gesehen. Kein anderer Eintages-Marathon bringt es auf so viele Kilometer und Höhenmeter. Aus 40 Ländern pilgern die Biker nach Bad Goisern, um das Biest wenigstens einmal im Leben zu bezwingen.

Nach zwei Stunden schabt das Laktat in den Beinen

Der Autor dieser Zeilen weiß, wovon er redet, er ist schon das dritte Mal am Start der A-Distanz: Der menschliche Körper ist nicht dafür gemacht, 211 Kilometer und 7119 Höhenmeter an einem einzigen Tag zu fahren. Mit einem Mountainbike. In steilem Gelände sowie auf Trails, die aufgrund des Starkregens Bachläufen gleichen. Ein, zwei Stunden lang haben austrainierte Waden ihren Spaß. Dann fängt das Laktat an, in den Beinen zu schaben. Die steile, kurvenlose Rampe bei Kilometer 50 lässt einen nach Sauerstoff ringen wie einen Ertrinkenden. Im nun folgenden Auf und Ab samt technisch anspruchvollster Passagen schwindet die Kraft merklich davon.

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Im ersten Teil des Rennens waren die Fahrer oft von Nebel umwabert. Die Kälte machte vielen zu schaffen. Sabine Sommer hält sich mit gestraffter Kette warm.

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Eine Portion Humor ist durchaus von Vorteil, damit die Motivation bei derartigen Höllenbedingungen nicht in die Knie geht. 

Nach 120 Kilometern verliert sich dann so langsam auch die Vorstellungskraft darüber, wie man den Rest des Tages überstehen soll. Die relativ flache Überführungspassage rüber nach Hallstadt war zum Regenerieren geplant, entpuppt sich aber mal wieder zäher als gedacht. Und nun kommt er, der Oberschenkelschocker überhaupt: das fiese, ultrasteile Zickzack-Band, das hinaufführt zum Ausflugspunkt Salzberg. Zuschauerjubel und Moderatorenlärm vermitteln Erstteilnehmern ein zartes Gefühl der Hoffnung, es gleich geschafft zu haben. Wiederholungstäter aber wissen: Das eigentliche Grauen beginnt erst! Japsend, den Oberkörper absurd über den Lenker gebeugt, müht man sich zu Fuß mit einer Wand von Asphaltsträßchen ab. "38 Prozent!", stöhnt einer, der einen Radcomputer mit Steigungsmesser hat.

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Tunnelblick: Die Damenschnellste Sabine Sommer in der legendären Passage "Ewige Wand". 

Die nun folgende Abfahrt ist viel zu kurz, um wieder zu Kräften zu kommen. Schade, denn nun bäumt sich das endlose Schotterband zur Roßalm vor dem Vorderrad auf. Wobei: So steil ist es gar nicht. Ohne den Kilometer-Irrsinn zuvor würde man wohl forschen Tempos hochknallen. Aber jetzt geht leider gar nichts mehr. Ewig zieht es sich. Und nach kurzer Zwischenabfahrt noch ein bisschen. Runter ins Tal. Mein lieber Scholli, nun fängt auch noch der Rücken an, sich zu verkrampfen. Aber: Es ist das Finale! Jetzt noch ein letzter Anstieg mit 400 Höhenmetern. Denkt man so. Aber die Minizacken auf dem Höhenprofil, die das Auge gar nicht wirklich wahrnimmt, ziehen einem auf den finalen 25 Kilometern noch einmal rigoros den Stecker. Nach 13:27 Stunden huscht endlich der Zielstrich unter dem Autor dieser Zeilen hindurch. Es ist wie eine Erlösung. Platz 102 gesamt. Egal. Nur runter von der Karre. Und duschen.

Der ganz normale Wahnsinn

Was sind das nur für Tiere – der Schweizer Konny Looser und der Spanier Joseba Albizu Lizaso – die nur 10 Stunden und 24 Minuten nach dem Start gemeinsam auf die Zielgerade gepest sind? Eine Hammerleistung, gerade mit Blick auf die extremen Streckenbedingungen. Looser hatte noch ein paar mehr Körner Reserve. Mit einem brachialen Schlussspurt schlug er den Spanier hauchdünn. Der Vorsprung: 2 Sekunden! Die Siegerin der Damen, Sabine Sommer aus Österreich, konnte das Finale etwas gelassener angehen. Die Tschechin Milena Cesnaková war ihr zwar das ganze Rennen lang dicht auf den Fersen. Nach 12:50 Stunden war der Vorsprung von Sommer mit 11 Minuten aber deutlich.

Salzkammergut Trophy 2017

So sehen Sieger aus: Der Schweizer Konny Looser und Damenerste Sabine Sommer aus Österreich bei der Pokalübergabe. Glückwunsch zu der Hammerleistung!

Das Tageslicht und der Zielgeraden-Teufel hatten sich schon in den Feierabend verabschiedet, da tröpfelten immer noch ein paar nimmermüde A-Distanz-Recken in Bad Goisern ein. Das offizielle Zeitlimit war um, aber zu Ende fahren wollen die Geschundenen trotzdem noch. Die Zielgerade schimmerte matt im Licht des Partyzeltes, aus dem die Stimmungs-Hits mit Vehemenz wummerten. Der Regen hatte aufgehört. Es war, wie aus der Hölle zurück ins Paradies zu kommen. 14 Frauen und 504 Herren hatten es diesmal in die "Hall of Fame" der Finisher geschafft. Ein Drittel Ausfallquote also. Der ganz normale Wahnsinn.

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Zur Hölle! Zum Jubiläum wurde auch der Teufel eingeladen. Na ja, ein Teufel-Darsteller zumindest.

Henri Lesewitz am 19.07.2017
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