Race-Report: Ein Mountainbike für alles - Willingen Race-Report: Ein Mountainbike für alles - Willingen

Race-Report: Ein Mountainbike für alles

Das Bike, das alles mitmacht - gibt es das?

Ludwig Döhl am 03.03.2017

Gibt es ein Mountainbike, das alles mitmacht? Beim BIKE-Festival in Willingen haben wir ein Rad durch alle Disziplinen gejagt: Downhill, Marathon, Pumptrack-Battle, Enduro. Mit erstaunlichem Ergebnis.

Alle wissen es mal wieder besser. Wie wild diskutieren die Arbeitskollegen über meine Müsli-Schale hinweg. "Für den Marathon ist das Bike doch viel zu schwer." Ein anderer klapst mir grinsend auf die Schulter: "Dafür wird Dir dann beim Downhill-Zielsprung der Federweg ausgehen, was?" Ja ja, bla bla. Ich habe ein ganz anderes Problem. In wenigen Stunden soll ich gegen den ehemaligen Fourcross-Weltmeister Joost Wichmann im Pumptrack-Battle antreten, und das Bike, über das sich die Kollegen gerade das Maul zerreißen, bin ich noch keinen Meter gefahren. Wie zur Hölle kam ich auf die Idee, alle Rennen des BIKE-Festivals in Willingen mit ein und demselben Rad zu bestreiten?

Die Antwort: Weil mich dieses Sparten-Getue einfach aufregt: Heute ist man Touren-Fahrer, Marathon-Racer, Endurist, Downhill-Pilot oder betreibt noch eine ausgefeiltere Unterart des Geländeradsports. Den einfachen, wahren Mountainbiker gibt es scheinbar gar nicht mehr. Auch die Bikes sind auf spezielle Einsatzbereiche zugeschnitten. MTB-Legende John Tomac hat seine Worldcup-Erfolge in Downhill und Cross Country Anfang der Neunziger mit demselben Rad eingefahren. Lange ist es her. Das Giant Reign, das Rad meiner Wahl für diesen Selbstversuch, bietet mit 160 Millimetern Federweg und 13,5 Kilo Gewicht technisch gesehen deutlich bessere Voraussetzungen als Tomacs Stahl-Hardtail.

Hier am Frühstückstisch, kurz vor meinem ersten Start, zweifeln die Kollegen trotzdem an meiner Theorie. Aber ausprobiert hat es noch keiner. Mit einer Mischung aus Anspannung und Vorfreude löffle ich die Müsli-Schüssel leer. Ich muss langsam mal los, meine Starterpakete für Downhill-, Marathon-, Enduro- und Pumptrack-Rennen abholen. Nach diesem Wochenende werden wir ja sehen, ob man heute noch mit einem Bike alles machen kann.

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Kontrastprogramm. Beim Marathon (li.) wird das Giant mächtig getreten, auf der Downhill-Piste muss es dagegen ordentlich schlucken.

Freitag, 17 Uhr, Pumptrack-Battle

Die Strecke ist gerade mal 30 Meter lang und hat nur drei Kurven. Sollte machbar sein, denke ich mir, als ich mein Vorderrad gegen das Gatter der Startanlage presse. Eigentlich habe ich mein Tagespensum an Radfahren schon erreicht. Denn bis zum Start der Pump Battle Series war ich zum Training auf der Downhill-Strecke. Der Kontrast könnte größer nicht sein. Gerade kämpfte ich noch mit fiesen Wurzelpassagen, Sprüngen und Steinfeldern, jetzt soll ich mein Können, oder besser gesagt die Fähigkeiten des Bikes, auf einem künstlichen Wellenkurs aus Holz und Dachpappe zeigen. Na ja, wenigstens wird es den Zuschauern gefallen, wenn mich Top-Favorit Joost Wichman in der Spur neben mir gleich demütigt, denke ich mir. Der lange Holländer zieht sich den Helm über, dann wird es ernst. Die Menschen am Streckenrand verstummen. Aus den Lautsprechern der Startanlage schallt das Kommando: "Riders ready, watch the gate!" Ein Zufallsgenerator bringt das Startgatter zu Fall. Ich sprinte auf die Buckelpiste. Mein Rad reagiert behäbig. Der lange Radstand lässt sich nur schwer über die Wellen manövrieren. Die Downhill-Reifen rollen unterirdisch schlecht. Und das Fahrwerk verschluckt einen Teil meiner Pumpenergie, die ich eigentlich in Vortrieb umwandeln wollte. Der Ex-Weltmeister links von mir ist auf seinem Hardtail schon über alle Buckel, als mich ein Fahrfehler aus der letzten Kurve wirft. Ich muss auf die Strecke zurück-bunny-hoppen, um meinen Lauf beenden zu können. Aber an einen Top-32-Platz ist mit meiner miesen Zeit nicht zu denken. Die Finalläufe werden ohne mich stattfinden. Die Zwischenbilanz nach dem ersten Rennen: Weder das Rad noch ich können mit unseren Fähigkeiten auf dem Pumptrack punkten. Viel Zeit für eine ausgiebige Analyse bleibt jedoch nicht. Denn vor 19 Uhr muss ich noch zwei Pflichtläufe auf der Downhill-Piste absolvieren, ansonsten lässt mich der Bund Deutscher Radfahrer nicht zur Qualifikation am Samstag zu.

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Buckelpiste! Ex-Weltmeister Joost Wichmann (re.) lässt Ludwig beim Pumptrack-Battle blass aussehen.

Samstag, 7:30 Uhr, Marathon

Das enge Lycra-Outfit zwickt, als ich am frühen Samstagmorgen die Trinkflasche für den Marathon fülle. Auch mein Testfahrzeug sieht heute etwas anders aus. Nach der Blöße beim Pumptrack-Rennen habe ich die Downhill-Reifen gegen leichte Cross-Country-Pneus gewechselt. Das hat damals sicher auch John Tomac bei seinen Worldcup-Einsätzen so gemacht, versuchte ich mich vor den lästernden Arbeitskollegen zu rechtfertigen. Die haben leicht reden, sie müssen ja auch nicht zu unchristlichen Zeiten mit 2000 anderen Verrückten 53 Kilometer und 1422 Höhenmeter durchs Hochsauerland hetzen.

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Reifen machen Räder. Zum Marathon wechsle ich auf Anraten der Fachleute von Maxxis auf schmale CC-Pneus.

"Wie viel UCI-Punkte hast Du?", will der Rennkommissar am Eingang des ersten Startblocks von mir wissen. "Zwanzig", flunkere ich und bin durch. Die Luft in den vorderen Startreihen ist mit Duft von Muskelöl angereichert. Nervös platziere ich mein Enduro-Fully zwischen ausgezehrten Athleten mit Carbon-Gefährten unterhalb der Zehn-Kilo-Marke. Fullys findet man hier in Startblock 1 kaum, schon gar nicht welche mit 160 Millimetern Federweg. Ich schalte das Fahrwerk des Giants in den Standby-Modus. Die Plattformen der Federelemente sollen das Fahrwerk ruhigstellen. Und tatsächlich, im ersten Anstieg wippt der Hinterbau kaum. Dennoch ist das Rad mit seinen 13 Kilo merklich träge – trotz Cross-Country-Bereifung. Ich beneide die vorbeiziehenden Fahrer, die mich leichtfüßig und scheinbar ohne Anstrengung überholen. Ich muss mir eingestehen, dass der Profi-Startblock angesichts meiner Fitness und meines Rads etwas zu ambitioniert gewählt war. Gegen Mitte des ersten Berges habe ich meine Position im Feld gefunden. Fast im Einklang hechle ich mit meinen Konkurrenten durch die morgendlichen Nebelschwaden. Als sich an der Bergkuppe der schmale Pfad unter meinen Stollen wieder talwärts neigt, schlägt meine Stunde. Ich schere aus der Einerreihe der Carbon-Hardtails aus und manövriere den 800 Millimeter breiten Lenker an den fahrtechnisch weniger versierten Marathonisti vorbei. Manch einer motzt. Aber hey, ich jammere doch auch nicht, wenn er bergauf gleich wieder an mir vorbeizieht. Obwohl, so viel überholen mich nicht mehr. Ich habe meinen Tritt gefunden. Das Giant schlägt sich gut – das Gewicht ausgeblendet sogar prima. Um auf den langen Geraden windschnittiger zu sein, fasse ich nach unten zur Krone der wuchtigen Pike-Gabel und schaffe mir so einige Zentimeter Sattelüberhöhung extra. Auf Rang 62 rolle ich gegen 10 Uhr ins Ziel. Erschöpft, aber zufrieden. Nach der Niederlage vom Vortag hat sich das Rad im Marathon besser geschlagen als erwartet. 25 Prozent der Strecke verliefen über Singletrails, aber auch auf den restlichen 75 Prozent musste ich mich nicht merklich mehr quälen als die Konkurrenz um mich herum.

Jetzt schnell die schwachbrüstigen Maxxis-IKON-Reifen gegen Schlappen mit mehr Grip tauschen. Schließlich muss ich am Nachmittag noch schnell die Downhill-Qualifikation hinter mich bringen.

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Nach dem Marathon ist vor der DH-Quali. Schnell die Energiespeicher wieder auffüllen. 

Sonntag, 10:00 Uhr, Enduro-Rennen

Während alle fachsimpeln, wie wohl der nächtliche Regen die Enduro-Strecke beeinflusst hat, wäre ich froh, wenn ich den Kurs überhaupt kennen würde. Ich weiß zwar, dass knapp 40 Kilometer und 1200 Höhenmeter zu absolvieren sind, doch die Wurzelpassagen und kniffligen Kurven, von denen meine Mitstreiter da erzählen, muss ich erst noch kennen lernen. Während der offiziellen Trainingszeiten hechelte ich gestern ja noch in Lycra-Montur über den Marathon-Kurs.

Der gesellige Teil des Rennens endet am Start der ersten Wertungsprüfung. Ich rücke noch mal Schoner, Integralhelm und Brille zurecht. Dann begebe ich mich unter den Pavillon. Der Starter erhebt seine Stimme: "Fünfzehn Sekunden bis zum Start!" Ich klicke in die Pedale und warte balancierend. "Drei, zwei, eins, los!" Die Kette geht auf Spannung, ich presche über eine Wiese, da führt mich das Flatterband auch schon ins Unterholz. Meine mächtigen Reifen wühlen sich durch den lockeren Waldboden. Das 160-Millimeter-Fahrwerk schluckt die Steinpassagen weg. Der breite Lenker hilft mir, das Giant durch das dicht stehende Baumspalier zu lotsen. Ich denke nicht über meinen fahrbaren Untersatz nach, sondern lass’ mich durch meine Reflexe leiten. Knapp zwei Minuten später rutsche ich über eine eklig hängende Linkskurve durch das Ziel der ersten Stage. Ich atme kurz durch, sammle meine Gedanken und beginne zu grinsen. Auch wenn ich die Strecke nicht kannte und deshalb etwas verhaltener gefahren bin, so hatte ich doch richtig Spaß.
Das Giant Reign hat gezeigt, wofür es konstruiert wurde und steckt die He­rausforderungen eines Enduro-Rennens locker weg. Nach fünf weiteren Wertungsprüfungen lande ich schließlich auf Platz 14 – bei knapp 300 Teilnehmern akzeptabel.

Viel Zeit zum Jubeln bleibt nicht. In 40 Minuten muss ich beim Downhill-Start am Gipfel des Ettelsbergs stehen.

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Beim Enduro-Rennen fühlt sich das Giant wohl wie in keiner anderen Disziplin. Auch die nass- rutschige Strecke kann das Reign nicht bremsen.

Sonntag, 14 Uhr, Downhill

Richtig vorbereitet bin ich eigentlich auch für diesen Wettkampf nicht. Als ich in der Gondel nach oben schwebe, schweifen meine Gedanken ab. Ich hatte zwar am Freitag vier Trainingsläufe sowie am Samstag die Qualifikation. Die anderen Waghalsigen haben sich aber teilweise 15 Mal den Berg hinabgestürzt, während ich mich bei Pumptrack, Marathon und Enduro-Rennen abmühte. Verdammt! Meine Trinkflasche ist leer. Und meine Energieriegel habe ich auch noch an der Talstation liegen lassen. Mit pappigem Mund und einem Gefühl von Hungerast rolle ich ins Starthäuschen. Aber es geht ja auch weniger um eine Platzierung, sondern darum, meinen Selbstversuch würdevoll zu Ende zu bringen. "Nummer 186! Noch 15 Sekunden bis zum Start!" Mein Magen antwortet mit einem Knurren. Da tickt die Uhr: Piep, piep, piep, piiiiiiep. Ich will die Kette noch mal straffen wie beim Enduro-Rennen, aber meine Oberschenkel verweigern ihren Dienst. Aber es geht ja zum Glück bergab. Die großen Sprünge im oberen Teil gelingen nicht perfekt, aber ich komme drüber. Die Jungs, die in dieser Disziplin auf Sieg fahren, ziehen beim Absprung deutlich beherzter am Lenker. Einige am Streckenrand entdecken meine Untermotorisierung und brüllen mir laut nach: "Enduro, geil!" Über die Steinfelder im Mittelteil der Strecke finde ich es weniger geil, auch wenn das Giant unter mir tut, was es kann – die Hindernisse sind einfach eine Nummer zu groß. Der Luftdämpfer kann sie nicht wegschlucken.

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Die Startnummern sind zum Abreißen wie Kalenderblätter übereinander montiert, um zwischen den Rennen keine Zeit zu verlieren.

Im unteren Teil passiert es dann: Ich erwische eine Bodenwelle im falschen Winkel, mein Hinterrad kickt es in die Höhe, und ich drohe in der nächsten Kurve zu zerschellen. Bloß nicht!, denke ich. Mein Selbstversuch wäre gescheitert, wenn ich mich jetzt, 500 Meter vor dem Ziel, langmachen würde. Im letzten Moment bekomme ich das Giant wieder unter Kontrolle. Mit einer Zeit von 2:33 Minuten rolle ich durch den Zielbogen des European Downhill Cups. Auch wenn meine Zeit später nur für Rang 81 reichen wird, fällt meine innere Anspannung ab. Ich stehe am Fuß des Ettelsbergs, ohne auch nur eine Chickenline genommen zu haben. Meinen besserwissenden Kollegen hab’ ich es auch gezeigt, denn der Federweg ist mir beim Zielsprung nicht ausgegangen. Vor allem aber hat das Giant in allen Unterarten des Mountainbikens gut mitgespielt, auch wenn es hier und da nicht ganz optimal war. Es hat tatsächlich funktioniert! Ja, die Industrie baut wirklich Räder, mit denen man alles machen kann. Wer hätte das gedacht?

Als ich mein Leihrad zum Giant-Stand auf dem Festivalgelände zurückbringe, schaue ich in ein versteinertes Gesicht. Okay, das Unterrohr ist noch mit Schlammresten vom Enduro-Rennen eingesaut, am Oberrohr klebt etwas Energie-Gel vom Marathon, die Bremsbeläge sind runtergerockt, und die Kette ist trocken. Mit breitem Grinsen klopfe ich dem irritiert dreinblickenden Giant-Mitarbeiter auf die Schultern: "Geile Karre, mit der geht wirklich alles."

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Junge, räum’ dein Zimmer auf! Bei so vielen Helmen, Trikots und Startnummern ist es nicht leicht, den Überblick zu behalten.

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Ludwig Döhl am 03.03.2017
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