Mountainbike-Tour in Deutschland: Thüringer Wald Mountainbike-Tour in Deutschland: Thüringer Wald

Mountainbike-Tour in Deutschland: Thüringer Wald

Thüringer Wald – Abenteuer vor der Haustür

Henri Lesewitz am 20.03.2017

Afrika? Südamerika? Ach was! Mountainbike-Abenteuer lassen sich auch vor der sprichwörtlichen Haustür erleben. Zum Beispiel im Thüringer Wald (mit GPS-Daten zum Downloaden).

Wie ein Wahrsager in die Glaskugel, so starrt Thomas Taut auf die Windschutzscheibe seines im Hof geparkten Autos. Kein Tropfen Morgentau. Das ist schlecht. Morgentau würde auf eine stabile Hochdruckwetterlage hindeuten, trockenes Glas bedeutet Wetterumschwung. Thomas runzelt besorgt die Stirn. Als Sohn eines Landwirts braucht er keine Wetter-App.

Es ist kurz nach fünf Uhr. Das Schwarzgrau der Nacht verbleicht gemächlich zu Morgenblau. Noch hängt der Himmel friedlich über Thüringen. Was aber, wenn heraufziehendes Unwetter das Draußenübernachten unmöglich macht? Bei einem Bauern um Unterschlupf bitten? Der dann womöglich keine Scheune voller Heu, sondern nur ein vollmöbliertes Gästezimmer anzubieten hat? Der blanke Horror! Dann wäre ja das schöne, mühsam erzeugte Abenteuergefühl dahin. Andererseits: Ist nicht gerade das die DNA von Abenteuer? Das Unvorhersehbare? Das Durchstehen von Widrigkeiten? Alles andere wäre doch Scripted Reality. Und überhaupt: Was weiß denn schon so eine Autoscheibe!?

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Auch in Zeiten von Internet und Wellness-Wahn geht nichts über einen Tag im Sattel mit anschließendem Lagerfeuer.

"Okay, Gaskartusche dabei? Kaffeekocher habe ich", ruft Thomas seinem Kumpel Christian Helmert zu, der bereits ungeduldig auf das Abfahrtsignal wartet. Bejahende Kopfbewegung. Da rasten auch schon die Schuhplatten mit hellem, metallischem Klicken in die Pedale ein. Das beste Geräusch der Welt. Ähnlich verheißungsvoll wie das kurze, magische Knistern beim Aufeinandertreffen von Plattenspielernadel und Schallplattenrille. Drei Tage lang wollen sich Thomas und Christian durch die grünen Wellen Thüringens schlagen. Schlafsack, Iso-Matte, Thermo-Klamotten – alles dabei. Eine Abenteuer-Miniatur inmitten des Alltags. "Bikepacking", so der offizielle Genre-Begriff.

Das Konzept, Biken und Camping miteinander zu verzurren, ist nicht neu. Doch seit einigen Jahren entwickelt sich das Ganze mehr und mehr zu einem Trend. Die Zahl der Self-Support-Rennen, bei denen die Starter auf sich allein gestellt irrwitzige Distanzen bezwingen müssen, schwillt beständig an. Parallel dazu wächst das Angebot an Spezialausrüstung. Packtaschen, Übernachtungskram, Wasserentkeimungsfilter, ja sogar zusammensteckbare Holzöfen aus Titan. Es scheint, als wollten sich die Biker für die Apokalypse rüsten. Dabei wollen sie sich in ihren kuschligen Ultraleichtschlafsäcken nur vor dem Alltag verschanzen – vor der Hektik, vor dem Stress. Früher reiste man dafür in Struktur-Öden wie den Himalaja, oder zumindest nach Andalusien. Heute beginnt das Abenteuer direkt vor der Haustür. Einfach mal so tun, als wäre Deutschland eine Wüste. Mongolen oder Äthiopier würden sich zwar schieflachen darüber. Egal.

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Die Sonne hat sich über die Baumwipfel des Thüringer Waldes geschoben. Ihre lauwarmen Strahlen drücken den Schweiß noch vehementer aus den Poren, als es die Steigungsprozente ohnehin schon tun. Es gehört zu den größten Vergnügungen von Thomas, sich die Kilometer mit straffer Kette in die Oberschenkel zu schmettern. In ein paar Wochen will er beim berüchtigten Langstrecken-Schocker 1000 Miles in Tschechien 1600 Nonstop-Kilometer samt 40000 Höhenmetern abreißen. Beim Yak Attack in Nepal kämpfte er sich mit dem Bike auf 5416 Höhenmeter rauf. Kumpel Christian ist nicht minder zäh veranlagt. Nächste Woche startet er mal wieder beim 72 Kilometer langen Rennsteig-Lauf. Was aber für keinerlei Nervosität bei ihm sorgt, schließlich hat er die inoffizielle 170-Kilometer-Version schon in weniger als 24 Stunden absolviert. Die druckvoll in die Pedale gestampften Kraft-Ausdauer-Tritte resultieren aus der Kombination von Laktatgeilheit und ambitioniert gestecktem Tagespensum: das angeschlagene Tempo: rennsportlich.

"Achtung! Jetzt wird’s fies! Ganz, ganz fies!", ruft Thomas in den Fahrtwind. Was aber mehr nach Vorfreude, als nach Bammel klingt. Minuten später kneten die beiden eine schnurstracks himmelwärts gerichtete Schotterrampe hinauf, wie sie typisch ist für das Hügel-Ensemble, das den Hohnewarte-Stausee umgibt. Ja, auch Thüringen bietet Himalaja-Momente. Kurze zwar nur. Aber immerhin.

Was an dieser Stelle leider gesagt werden muss: Der deutsche Wald hat ein Image-Problem. Während die Alpen als das Mountainbike-Paradies schlechthin gepriesen werden, umgibt die Wälder der deutschen Mittelgebirge der Ruf von Erlebnis-Öden. Völlig zu Unrecht, wie der Thüringer Wald an jeder Ecke klarstellt. Auf 150 Kilometern Länge und 35 Kilometern Breite drängen sich hunderte, ach was, tausende Hügel, Kuppen und Berge, zu deren Füßen sich ein schier unendliches Wirrwarr aus Tälern windet. Wege gibt es reichlich. Ganz Breite ebenso wie ganz Schmale. Die Kunst ist nur, sie zu einer spannenden Route zu verknüpfen. Die Dreitages-Tour durch den Thüringer Wald ist eine Maxi-Version von Thomas’ Lieblingsausfahrten der letzten Jahre. Ein Trail-orientierter Brachial-Ritt mit allein heute 3400 Höhenmetern, der die Bebauungszonen geschickt umschlängelt. Thomas ist jeden Abschnitt irgendwann schon mal gefahren. Zum Glück.

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Das permanente Aufeinanderfolgen giftiger Kurzanstiege entfacht ein wahres Laktat-Inferno in den Oberschenkeln.

"Mist, der Track ist weg", drückt er erschrocken auf seinem GPS-Gerät rum: "Weg! Einfach aufgelöst! Vielleicht wegen ’ner Erschütterung oder so", ringt er um Fassung. Egal, dann eben weiter nach Gedächtnis. Spätestens um 19 Uhr müssen sie in Katzhütte am Tegut-Supermarkt sein, denn sonst werden sie ohne Feierabendbierchen in den Schlafsack kriechen müssen. Die Beine sind schon gut von Höhenmetern gemeuchelt. Seit acht Stunden sitzen sie schon im Sattel.

Christian (sichtlich leergebiked): "Wie lang ist das heute? Mal ehrlich."
Thomas: "Hundertzwanzig."
Christian: "Hundertzwanzig, oder hundertdreißig?
Thomas (schelmisch grinsend): "Dazwischen."
Christian (die Herrschaft über die Gesichtsmuskulatur kurz verlierend): "Also hundertfünfzig."

Die Sonne geht bereits auf Tauchstation, als das Tagesziel endlich erreicht ist: Eine Schutzhütte auf dem 842 Meter hohen Wurzelberg am Rande des Schiefergebirges. In den Trikottaschen stecken Erfrischungsgetränke und Grillwürste. Die Deluxe-Variante von Abenteuer.

"Beim 1000 Miles muss jeder eine Dose mit einem benzingetränkten Lappen dabei haben, um im Notfall ruckzuck Feuer machen zu können", informiert Thomas, während er verschmitzt den mitgebrachten Grillkohleanzünder aus der Packtasche kramt. Ach, wie herrlich, das alles! Das Abendrosa verglimmt zu Nachtblau. Das Feuer knistert. An diesem Platz in diesem Wald, im Licht der Flamme die zum Trocknen ausgebreiteten Trikots, fühlt sich alles richtig an. Philosophische Stunde: Warum ist es so schön, im feucht-kalten Wald zu sitzen, obwohl man daheim eine Polstersofaecke stehen hat?

"Einfach mal Pause", sagt Thomas – Familienvater und Ofenhändler. "Mal raus aus dem Hamsterrad", nickt Christian – Familienvater und Angestellter. Minutenlang starren sie andächtig ins Lagerfeuer. Dann: Ein Tag sei wie eine Schultafel, so Christian. Früh noch leer. Aber im Laufe des Tages kommen immer mehr Striche dazu. Abends sei es nur noch ein Chaos aus Strichen und Gekrakel. "Wenn man rausgeht, ist das, wie eine Tafel mit einem Schwamm abzuwischen", sagt er: "Alles ist wieder klar und sauber."

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Die Flammen knistern, die Beine sind mürbe. Christian erzählt Thomas, was das alles mit einer Schultafel zu tun hat.

Interessante Metapher. Mini-Abenteuer zum Auspendeln der Wohlfühldysbalance, die sich im tagtäglichen Wahnsinn immer mal wieder einstellt. Der Wald als Schwamm, der Stress, Ängste und innere Verspannungen aufsaugt. Ist das Abenteuer? Schließlich geht es an einem Lagerfeuer in Thüringen ja eher darum, eine Erkältung abzuwehren als ein Lungenödem. Wer sich solche Fragen stellt, der sollte es einfach mal ausprobieren. Der Thüringer Wald ist nicht der Himalaja. Aber die Erlebnisfülle bei einer mehrtägigen Durchquerung mit Schlafsackübernachtung kommt nah ran an die Definition von Abenteuer. "Das Verlassen des gewohnten Umfeldes", so Wikipedia.

Und genau in diesem Sinne geht es am zweiten Tag weiter. Deutschland ist vielleicht keine Wüste im geomorphologischen Sinn, aus infrastruktureller Sicht aber stellenweise schon. Es ist kurz vor 10 Uhr. Der Frühstücksjoghurt ist längst im permanenten Auf und Ab der letzten Stunden verbrannt. Doch selbst entlang des Rennsteig-Abschnitts gibt es keine geöffnete Bäckerei, keinen Supermarkt, keine Kneipe. Endlich ein echtes, substanzielles Problem! Wie ein Schiffbrüchiger kurz vor dem Verdursten saugt Thomas an der schon seit ewigen Kilometern leeren Trinkflasche. Also hoch zum Bleßberg, wo sich seinen Informationen nach eine Wandererkneipe befindet. Die Hoffnung auf eine Apfelschorle hält die Kurbeln in Rotation. Das Knarzen der Restauranttür löst einen wahren Glückshormonschwall aus. Geöffnet! So muss sich der Euphorie-Schwall bei einem Sechser im Lotto anfühlen!

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Die Touren im Thüringer Wald 

Weiter geht es über zähe Anstiege unklarer Länge in Richtung Goldistal. Die Trails am Pumpspeicherwerk sind denen in Durango ebenbürtig. Und erst die Ruhe! Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Stadtvögel lauter sind als Waldvögel. Mit 90 Dezibel müssen die Ärmsten rumzwitschern, um den Autolärm zu übertönen. Was so laut ist wie ein Presslufthammer. Hier im Thüringer Wald scheint die Natur zu flüstern. Durchdrungen nur vom Klacken der Schaltungen und den schweren Atemstößen.

"So geil!", raunt Thomas und schwitzt sich glücklich. Es sind tausende kleine Mikro-Ereignisse, die sich im Laufe der Kilometer zu einem großen Ganzen verdichten. Man macht und tut. Dennoch wird am Ende des Tages kaum was auf der Tafel sein. Nur ein einziger symbolischer Strich für die Zusammenfassung des Tagesinhalts: geile Tour. Samstag, 16 Uhr: Nach drei Tagen im Wald fühlt sich das Ausklicken seltsam an. Feierlich zwar, aber irgendwie brutal. Wie nach einem guten Konzert, wenn das Licht angeht. Jetzt wird wieder die Normalität lostoben. Familie, Job, Drinnenübernachtung. Ob nun frühmorgens Tau auf der Windschutzscheibe haftet, oder nicht.

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Henri Lesewitz am 20.03.2017
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