Mountainbike Tour durchs Wetterstein-Gebirge Mountainbike Tour durchs Wetterstein-Gebirge

Mountainbike Tour durchs Wetterstein-Gebirge

Stein-Reich: 2 Frauen auf den Wetterstein Trails

Kathi und Andrea am 14.04.2017

Felsig, imposant, abweisend: Das Wetterstein-Gebirge ist ein Paradies für Bergsteiger. Zwei Trail-verrückte Damen wollen dem steinigen Herz Deutschlands mit dem Bike den Zahn ziehen.

HipHop wummert aus den Boxen, als Kathi in ihrem Van auf den Parkplatz rollt. Beim Aussteigen flechtet sie noch ein letztes Zöpfchen in ihre Haare. Dann zieht sie voller Tatendurst ihr Bike aus der Schiebetür und nimmt den Rucksack.
Das Teil ist winzig. Mit zwölf Litern Fassungsvermögen gehört der Rucksack eher zur Kategorie der kompakten Daypacks. Andrea zieht fragend die Augenbrauen hoch. "Da hast Du alles drin?" Drei Tage lang wollen die beiden auf anspruchsvollen Wegen das Wetterstein-Massiv durchqueren. Triumphierend zückt Kathi Erste-Hilfe-Set, Pumpe, Schlauch und Wechselklamotten. Eine dunkelbraune Banane guckt zur Hälfte aus der Seitentasche – es kann losgehen. Zumindest fast. Kathi hat sich in Ringer-Pose über ihren Rucksack gestellt und quetscht ihn mit dem Knie in Form. Knarzend quält sich der Reißverschluss über die Schienen. Dass die alpine Bergwelt die wettkampferprobte Freeriderin trotz bester Fahrtechnik an ihre Grenzen bringen wird, wird sie bald feststellen.

Das Wetterstein-Gebirge gipfelt im höchsten Berg Deutschlands, der 2962 Meter hohen Zugspitze. Mehr Fels, steile Wände und gigantische Ausblicke hat kein anderer Fleck der Republik zu bieten. Die Tour, die Andrea zusammengestellt hat, verbindet einige der landschaftlich reizvollsten Ecken des Massivs, das sich zwischen Garmisch-Partenkirchen und den Tiroler Orten Ehrwald und Leutasch erstreckt. Fragt man klassische Wanderportale nach der Route, spucken diese Warnhinweise wie "Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich" oder "Achtung: alpines Gelände!" aus. Für die beiden Mädels bedeutet das: viele Tragehöhenmeter, zumindest bergauf. Und bergab? "Die Trails sind alle fahrbar, aber durchaus technisch", mutmaßt Andrea, die sich selbst als Bike-Bergsteigerin bezeichnet und damit in genau diesem Gelände ihre Berufung sieht. Mit dem Bike dorthin gehen, wo mancher Gelegenheitswanderer schon weiche Knie bekommt. Von zertifizierten Flowtrails sind Andreas Touren ungefähr so weit entfernt, wie Punkrock von Klassik. Den größten Teil der Runde ist sie noch nicht gefahren. Neuland entdecken, darum geht es.

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Balance-Akt in der Steilstufe kurz unterhalb der Meiler-Hütte.

Am nächsten Morgen: Nieselregen befeuchtet die Terrasse der Meiler-Hütte, die auf 2366 Metern Meereshöhe am Grenzkamm zwischen Bayern und Tirol thront. "Wo ist denn der Sonnenschein, den ich bestellt habe?", fragt Andrea und rückt ihren Helm zurecht. Ihre Laune haut so schnell nichts um. Wolkenfetzen umwabern die Kalktürme, die rechts und links der Hütte aufragen. Es ist kalt. Mit quietschenden Bremsen tasten sich die beiden Freundinnen über Steigspuren in die Tiefe der Schotterreise, die direkt an der Hütte Richtung Süden abfällt. Auf der Terrasse sammelt sich eine Traube aus Wanderern und Bergsteigern, um das ungewöhnliche Unterfangen zu bestaunen. Biker sieht man hier oben nur selten. Aus gutem Grund. Loser Schotter in wechselnder Größe macht die ersten Meter zum Tanz auf rohen Eiern. Die Steilstufe, die die beiden von der Hütte als Schlüsselstelle ausgemacht hatten, zwingt zu einer kurzen Trageeinheit.

"Wo ist eigentlich Danny MacAskill, wenn man ihn braucht", scherzt Kathi, als sie über eine steile Felspassage schiebt. Es tröpfelt, ein seichter Feuchtigkeitsfilm liegt auf dem Gestein. Das Geräusch von rollendem Schotter hallt von den steilen Felswänden in die frische Morgenluft. Kathi und Andrea sind in ihrem Element, zirkeln um Spitzkehren und rollen über Steinplatten – aber nur für kurze Zeit. Bald wird der Steig garstiger, am Boden tummeln sich Steine der Größenordnung Ananas bis Wassermelone. Sie liegen dicht an dicht wie Obst in der Auslage eines Marktstandes.

"Where’s the flow?", schimpft Kathi. Immer öfter zwingt sie der Trail vom Rad. Normalerweise springt die 26-jährige Wettkampf-Freeriderin über präparierte Sechs-Meter-Doubles oder dropt furchtlos in die Tiefe. Natürlich in Jeans. Als erste Frau überhaupt will sie die FMB-World-Tour, die weltgrößte Freeride-Serie, mitfahren. Aber das Wetterstein ist anders: haltloser Schotter, enge Kehren, ausgesetzte Kurven. Das kostet Kraft und Konzentration. Auch Andrea, die mehrmals pro Woche in solchem Gelände unterwegs ist, ist inzwischen mehr neben als auf dem Bike. Besserung ist nicht in Sicht. "Eine echte Sau", ruft sie. Gemeint ist der Steig. Die Stufen werden immer höher, der Untergrund loser. Kathi lässt ihr Bike fallen und demonstriert in breitem Bayerisch: "Der Flow hod a Loch. A groaßes!" Die Wangenknochen treten vor Wut hervor. Würde nicht das Rauschen des Gebirgsbaches die Natur erfüllen, wäre wohl ein mahlendes Zähneknirschen zu hören. "Krisensitzung!", fordert Kathi. Die Mühen des Vortags, die in zwei Stunden Bike-Tragen gipfelten, laufen vor

Fotostrecke: Stein-Reich: 2 Frauen auf MTB-Tour im Wetterstein-Gebirge

Kathis geistigem Auge ab. Und das soll jetzt der Lohn sein? 500 Höhenmeter trennen die beiden noch vom rettenden Talboden. Kuriose Sichtweise – denn normalerweise ist bei den Mädels das Grinsen umso größer, je mehr Trail-Meter noch bevorstehen.

Nach gut dreieinhalb Stunden erreichen die beiden endlich den nächsten Supermarkt im Tal. Die Energiespeicher müssen dringend aufgefüllt werden. Statt Endorphine freizusetzen, hat die Abfahrt primär Nährstoffe verbrannt. Es ist Mittag, die Beine brennen, und alle Tageshöhenmeter stehen noch bevor. "So ist das eben", sagt Andrea. "Das ist wie auf einer Expedition: Manchmal erwischt man es gut, und manchmal geht’s auch in die Hose." Grinsend schiebt sie sich das letzte Stück Quarktasche zwischen die Zähne. Jede Tour ein Abenteuer? Kathi kann dem wenig abgewinnen. Tragen? Ok. Aber nur, wenn zur Belohnung Trail-Spaß wirkt. Mit Erzählungen von epischen Abfahrten hatte sie Andrea ins Wetterstein gelockt. Bisher ist keine Spur davon zu sehen. Immerhin hat Kathi die Knie-Rucksack-Ringer-Technik inzwischen so verfeinert, dass das pralle Gepäckstück im Nu geschlossen ist. Weiter geht es.

Am nächsten Morgen sind sich die beiden wieder einig: Nichts geht über eine berauschende Trail-Abfahrt zum Frühstück. Nach einigen technischen Passagen windet sich der Steig im unteren Abschnitt endlich flowig durch einen Märchenwald. Gut gelaunt geht es in den letzten Anstieg der Tour. Und wieder das gleiche Muster: Auf zwei Stunden Pedalieren folgt Schieben. Oder besser: Tragen – denn der schmale Weg duldet Bike und Biker nicht nebeneinander. Doch auch das ist gar nicht so einfach. Die Latschenkiefern versuchen permanent, das Bike von den Schultern zu streifen. Über 13 Kilo lasten auf Rücken und Schultern. Der Nacken schmerzt vor Spannung. Kathi klammert sich an Gabelholm und Pedal ihres geschulterten Bikes, um den Kampf gegen das Buschwerk zu gewinnen. Die Pins der Plattformpedale beißen sich durch die Handschuhe ins Fleisch. Wie ein Mantra erfüllt das monotone Geräusch der aneinanderstreifenden Hosenbeine die Luft. Der Schotter knirscht, und ein gleichmäßiges Schnaufen komplettiert den Dreiklang. Kathi selbst bekommt das nicht mit. Aus ihrem Kragen schlängeln sich zwei weiße Kabel bis an die Ohren. Aus den Kopfhörern wummern Bässe. Es läuft Kendrick Lamar: "Bitch, don’t kill my vibe." Eine klare Verbesserung zum Vortag, als sie nur noch die Klänge von Caotico "Fuck my brains out" zur Hütte peitschen konnte. Das hört sie immer, wenn sie sauer ist. Heute wischt sie sich zuversichtlich den Schweiß von den Schläfen. Ihr breiter Nietengürtel schimmert in der prallen Mittagssonne. Ein kleines Freerider-Statement.

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Was für ein Ausblick! Die Kalkwände des Wetterstein-Gebirges stehen Spalier.

Wilde Momente wie diese kitzeln Andrea. In den Bergen habe sie sich wiedergefunden, sagt die 42-jährige PR-Expertin, die sich selbst als 100-Prozent-Typ bezeichnet. Früher hieß das: 100 Prozent Workaholic mit 70 Arbeitsstunden pro Woche. Heute zieht sie so oft es geht ins Abenteuer – und das sucht die Wahl-Münchnerin quasi vor der Haustür. "Ich finde es immer wieder Wahnsinn, an welch wunderbare Orte man mit dem Bike kommt, wenn man sich nur etwas plagt", schwärmt Andrea am Ende der Tragestrecke. Wellness für die Seele, kostenlos. Aber nicht jedermanns Sache.

Zu der Kategorie "wunderbare Orte" zählt auch das Gatterl. Als felsiges Tor thront der bei Wanderern und Bergsteigern beliebte Übergang in das steinig-graue Ödland des Zugspitzplatts. Fahrradfahrer verirren sich nur in Ausnahmefälle hierher. Umso überraschter sind Andrea und Kathi, als sie auf einem traumhaften Flowtrail die letzten Meter auf das Gatterl zusurfen. Handtuchbreit zieht sich die Linie durch das mächtige Kar, rechts und links marmorieren Wiese und Schotter die gewaltigen Bergflanken zu einem natürlichen Kunstwerk.

"Das ist der Grund, warum ich mein Radl überall den Berg hochtrage: Weil man solche geilen Dinge sehen kann", sprudelt es aus Andrea heraus. Für ziemlich genau drei Minuten macht sich ein breites Grinsen breit. Dann hat der Fahrfluss auch schon wieder ein Ende. Das Gatterl ist in Sichtweite. Steil und steinig ragt der Felsturm in den Himmel, ein sicherndes Drahtseil gibt die Linie vor. Die Botschaft scheint klar: Hier haben Biker nichts zu suchen!

"Da soll ich mit dem Radl rauf?", fragt Kathi entgeistert. Kurze Zeit später steht sie erleichtert neben dem Grenzschild, das den Übergang von Tirol nach Bayern anzeigt. Das hat Nerven gekostet. Der Blick auf die Querung zum Zwischenziel Knorrhütte macht klar: Die drei vorangegangenen Flow-Minuten werden sich in der nächsten Stunde nicht wiederholen. Die Felsen, die das karge Platt unterhalb der Zugspitze säumen, sind nicht melonen- oder ananasgroß, sondern haben eher das Ausmaß von Kühlschränken. Nur sporadisch ist ihre Anordnung so günstig, dass Andrea und Kathi einige Meter im Sattel zurücklegen können. Als wolle der Bike-Bergsteiger-Gott die beiden locken, entpuppen sich die letzten 200 Meter zur Hütte als feinster Flowtrail. Leider bergauf – und so schießt den Mädels noch mal das Laktat in die Beine. Egal: Ab hier geht es nur noch bergab.

Zwischen all den Bergsteigern und Wanderern auf der Terrasse der Knorrhütte wirken die zwei Mädels in den bunten Klamotten so fehl am Platz wie ein Elefant in einem Rudel Wölfe. Die Blicke schwanken zwischen Verwunderung, Interesse und Unverständnis. Dass die beiden gleich mit den Bikes durch das Reintal zurück nach Garmisch-Partenkirchen wollen, halten die wenigsten für eine gute Idee.

Nicht mal 100 Höhenmeter tiefer weicht die Unklarheit für Kathi trauriger Gewissheit: Es ist wirklich keine gute Idee! Nach sieben Stunden auf Tour, ein Drittel davon mit Bike auf dem Rücken, ist ihre Kraft am Ende. Der "Trail" hat diese Bezeichnung maximal mit rosaroter Extrem-Bike-Bergsteiger-Brille verdient. Er ist geröllig, verblockt, steil und eng. Ohne Frische in Beinen, Armen und Hirn geht hier nichts. Die Hoffnung auf die belohnende Ladung Flow ist dahin. Andrea kämpft in Schrittgeschwindigkeit mit losem Geröll, Stufen und der Schwerkraft – ein echtes Test-Piece nach Bike-Bergsteiger-Art. Sie grinst. Unterschiedlicher könnten die Empfindungen beim Fahren eines Trails nicht sein. Kathis Ruf nach einer Krisensitzung bleibt aus, hilft eh nichts.

"Ein echter Freundschaftstest", murmelt sie nur und wünscht sich auf direktem Weg auf die heimische Couch. Das Gute daran – auch wenn sie davon gerade nichts wissen will: Die Touren, die man kein zweites Mal so machen würde, vergisst man sein ganzes Leben nicht. Echte Abenteuer eben.

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Kathi und Andrea am 14.04.2017
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