Kanada: MTB Abenteuer-Trip in die Chilcotins Kanada: MTB Abenteuer-Trip in die Chilcotins

Kanada: MTB Abenteuer-Trip in die Chilcotins

Im Wasserflugzug mit dem Mountainbike in die Chilcotins

Stephen Matthews am 28.01.2017

Stell Dir vor, Du wirst in Kanadas Wildnis ausgesetzt. Um Dich herum nur Berge, Seen und Wald. Deine Aufgabe: Fahre drei Tage auf Trails in die Zivilisation zurück. Was für ein Traum!

Das Motorenbrummen der 67er-Havilland-Beaver klingt wie Musik in meinen Ohren. Am liebsten würde ich die Kopfhörer einfach absetzen. Nur dann verstehe ich den Piloten nicht mehr, und mich interessiert schon, wie die Berge heißen, über die wir gerade hinwegfliegen. Der türkisfarbene, fjordartige Streifen zwischen den ockerfarbenen Gipfeln da unten heißt Tyaughton Creek, und am linken Fenster zieht gerade die verschneite Spitze des Mount Sheba vorbei. Bald überfliegen wir eine markant-steile Bergkette, und dahinter leuchtet im Tal wieder ein türkisfarbener Streifen: der Lorna Lake – unsere Landebahn. Wie auf Watte setzen wir auf. Ich sehe die Kufen des kleinen Fliegers durchs Wasser pflügen, bis wir langsamer werden und dann leicht schaukelnd an einem kleinen Holzsteg andocken. Geübte Hände reichen Bikes und Rucksäcke aus dem Gepäckraum, dann dreht der Pilot schon wieder an der Zündung, und die Beaver schwebt wie eine Hornisse davon. So, ausgesetzt. Wir stehen also schon mittendrin, in unserem Back-Country-Abenteuer durch die Chilcotins.

Ross Measures und ich erreichten das Tyax Wilderness Resort & Spa gestern erst am späten Abend. Da saßen Anthony Bonello aus Whistler und unser schwedischer Fotograf Mattias Fredriksson bereits am großen Feuerplatz mitten in der Hütte und brüteten über der Trail-Karte. In drei Tagen wollen wir vom Lorna Lake zur Tyax-Hütte zurücknavigieren – und zwar nur auf den besten Trails der Chilcotins. Essen und schlafen werden wir unterwegs in Camps, die der Veranstalter Tyax-Adventures ex­tra für solche Trips eingerichtet hat. Kopf dieser Agentur ist Dale Douglas. Der stämmige Kanadier war Mitte der 90er-Jahre selbst mit dem Bike in den Chilcotins unterwegs. Einen Pilotenschein besaß er da bereits, und als er während seiner Tour ein Wasserflugzeug auf dem Tyaughton Lake entdeckte, kam ihm die Idee, solche Wasserflug-Biketrips für Gäste anzubieten. Seit 1999 setzt Dale nun Mountainbiker aus aller Welt am Lorna Lake aus und versorgt sie in vier Camps, die entlang des Trail-Netzes warten.

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Brüten über der Trailkarte....

Trotzdem beschleicht mich schon ein etwas mulmiges Gefühl. Da stehen wir nun am Ufer des Lorna Lakes, und seit das Wasserflugzeug hinter der Bergkette verschwunden ist, kann ich kein Anzeichen von menschlicher Zivilisation entdecken. Nur Wald, darüber ockerfarbene Berggipfel und Wasser in Form von Seen und kleinen Flüssen. Es gibt nicht mal Strommasten, die sonst immer irgendwo das Landschaftsbild stören. Nichts! "Doch, es gibt etwas von Menschenhand: Trails!", reißt uns Anthony aus der Fassungslosigkeit. Der Kanadier wohnt in Whistler und kennt sich in den Chilcotins schon ganz gut aus. Er wird daher die Rolle des Guides übernehmen. Elektrisiert von dem Abenteuer, das uns erwartet, schrauben wir unsere Bikes zusammen und sitzen auf. Los geht’s! Unser heutiges Ziel ist das Bear-Claw-Camp. Es liegt gleich hinterm Lorna-Pass im Nachbartal. Da wir aber alle so heiß auf Abenteuer sind, beschließen wir, dem Big Creek lieber noch ein bisschen zu folgen und erst den Elbow-Pass ins Nachbartal hinüber zu nehmen. Anfangs ist der Pfad durch die Sträucher noch etwas schwer zu erkennen, da müssen wir schon das erste Mal unsere Schuhe ausziehen und die Bikes durch das knietiefe Eiswasser des Big Creeks schultern. Klar, Brücken gibt es hier ja auch keine. Wir sind so gefesselt von der Natur und unserer Umgebung, dass wir den Hauptpfad zum Elbow-Pass verpassen. Auf einmal stapfen wir über Moosteppiche, die uns zu einer supersteilen Geröllflanke führen. Erst nach 400 Höhenmetern treffen wir auf den Passweg, der sich als wunderbar fahrbar herausstellt. An diesem Punkt ist mir klar, wie die nächsten Tage aussehen werden. Jeder einzelne in unserer Gruppe ist bekannt dafür, ein kleiner Masochist zu sein. Frei nach dem Motto: je größer die Widrigkeiten, desto größer der Gewinn. Trotzdem freuen sich nun alle über die sensationell unkomplizierten Trail-Kurven zum Bear-Claw-Camp hinunter. Mit flatternder Jacke schießt Ross voran. Immer mutiger legt er sich in die Kurven, ohne zu wissen, was ihn dahinter erwartet. Aber es ist einer dieser goldene Trails, die einfach dahinfließen und gar nicht mehr enden wollen. Angelegt wurden diese Pfade einst von Indianern. Goldgräber-Karawanen und Jäger bauten das Wegegeflecht noch weiter aus. Dass es in dieser Zeit zu blutigen Konflikten kam, weiß jeder Western-Fan. Im Graveyard-Tal gibt es heute noch jede Menge Relikte aus dieser Zeit.

Glücklich bis in die Haarspitzen betreten wir die Kochhütte des Bear-Claw-Camps. Camp-Leiterin Dallas heißt uns herzlich willkommen und reicht uns dampfende Kaffeetassen und Trockenfleisch-Snacks. "Ich kann Euch aber auch schnell ein paar Cheeseburger mit Speck grillen!" Wir lehnen dankend ab. Ist ja nicht mehr lang bis zum Abendessen.

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Die Auffahrt zum 2330 Meter hohen Deer-Pass ist eine Kombination aus sumpfig-steilem Gelände und einer felsigen Tragepassage. Dazu fegt uns der ohnehin schon starke Wind bald wie ein Besen ins Gesicht. Kurz unterhalb des Sheba-Kamms finden wir einen Felsvorsprung, der uns Windschatten spendet. Nur ein paar Minuten rasten, um uns von diesem Gezerre zu erholen. Doch gerade, als wir unsere Brotzeit ausgepackt haben, dreht der Wind und bläst uns wieder voll an. Ross versucht noch, seine Jacke zu erhaschen – zu spät. Wie von Geisterhand schießt sie erst senkrecht in die Luft, wirbelt dann mit den Windböen gen Tal und bleibt schließlich 200 Höhenmeter tiefer in einem Baum hängen. Tja, da wird Ross diesen Teil des Passanstiegs wohl ein zweites Mal erleben. Die restlichen Höhenmeter zum Deer-Pass sind wieder fahrbar. Wobei wir gegen den Wind nur sehr zäh vorankommen, doch irgendwann ist der höchste Punkt erreicht, und vor uns rollt sich eine fünf Kilometer lange Trail-Bahn in den Upper Gun Creek hinunter aus. 760 Tiefenmeter und feinste Sandkurven. Ab der Baumgrenze lässt sogar der Wind etwas nach, und ein paar Sonnenstrahlen bohren sich durch die Wolken. Unten lassen wir das Trigger Camp liegen, denn wir sind uns sicher, dass wir es heute noch bis zum Spruce Lake schaffen werden. Der Wasserspiegel des Gun Creeks ist Gott sei Dank niedrig, so können wir im windgeschützten Tal weiterfahren. Doch die Trail-Führung bleibt spannend. Erst geht’s durchs Grasland dahin, dann traversieren wir einen langen, steilen Geröllhang. Hier hat der Pfad etwas mehr als Fußbreite, und ein Abrutschen würde bedeuten, zehn Meter tiefer im Hummingbird Lake aufzuklatschen. Zwischen Gun Creek und Spruce Lake, dem sogenannten "Potato Patch", tut sich plötzlich ein farbintensiver Espenwald auf. Der Trail-Kurs um die Bäume fühlt sich an wie im Schleudergang.

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Die Kulisse ist genial, die Trails machen Spaß, doch die Regie zu unserem Abenteuer führt immer noch das Wetter. 

In der Nacht trommelt Regen auf unser Camp nieder, die Zeltwände schlagen im Wind heftig hin und her. Auch für morgen sieht der Wetterbericht nicht gut aus. So stellt sich die Frage, welche Route wir an unserem letzten Touren-Tag wählen sollen: die untere durch den Gun Creek, die wegen des Regens ziemlich verschlammt sein wird, oder doch die alpine Route über Windy-, El Dorado- und Camel-Pass. Wir entscheiden uns für die Bergvariante. Regen hin oder her, wir sind schließlich wegen der legendären Trails hier. Aber wie das immer so ist: Wieder bläst der Wind scharf, und schon am zweiten Pass wirbeln uns bereits die Schneeflocken um die Ohren. Mit Feierlichkeiten oben am Pass halten wir uns daher gar nicht lang auf und stürzen uns direkt in die Abfahrts-Trails. Die machen, wie versprochen, großen Spaß. So, wie am Ende des Tages der Sprung in den heißen Bottich in der Tyax-Lodge. Und während die Wärme in die Glieder kriecht, wird klar: Wir müssen noch mal in diese Wildnis.

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Stephen Matthews am 28.01.2017
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