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Interview Werner Dittrich: 70 Jahre und kein bisschen leise

Interview und Video: „The legendary Werner“

Henri Lesewitz am 31.03.2016

Rommé-Nachmittage, Aqua-Jogging? Nichts für Werner Dittrich aus Regensburg. Mit 65 Jahren, kaufte er sich ein Freeride-Bike. Inzwischen ist er 70 und dank eines Internet-Videos ein bisschen berühmt.

„The legendary Werner", so wird Werner Dittrich in der Inhaltsangabe des Kurzfilms genannt, den Martin Hanisch von Action Shot TV drehte. Das Internet-Video mit dem Titel "Entspannt & locker" ist inzwischen Kult. Es porträtiert den damals 65-jährigen Werner, der gerade mit dem Freeriden begonnen hat. Inzwischen ist Werner siebzig und hat auch seine zehnjährigen Enkel Nico und Luca mit dem Freeride-Virus infiziert. Viel Spaß beim Anschauen!

Andere in Deinem Alter gehen zum Aqua-Jogging. Du hast als 65-Jähriger mit Freeriden angefangen. Wie kommt man auf so eine Idee?
Ich bin schon immer gerne schwierige Pfade gefahren. Schon als Kind, als ich noch mit so alten Stahlfahrrädern mit Torpedo-Rücktrittbremse die Berge hochgeschoben bin, um dann Vollgas runterzusausen. Da ging einiges zu Bruch. So fing das an mit dem wilden Radfahren. Beim Skifahren habe ich später gemerkt: Eine Sekunde in der Luft ist schöner als eine Minute am Boden. Beim Biken habe ich mir dann auch immer die schwierigen Strecken rausgesucht. Dass ich aber mal so springen würde, wie die jungen Burschen, hätte ich auch nie gedacht. Bikeparks mag ich allerdings nicht so, das ist mir alles zu künstlich. Wobei, die Fünfer-Batterie am Geißkopf, die ist super. Und Bikeparks haben ja auch einen Vorteil für Menschen in meinem Alter: Da findet man selbst mit Alzheimer zurück. (lacht)

Trotzdem, Freeriden ist nicht gerade der typische Seniorensport, oder?
Ich fahre schon lange Mountainbike, aber mit verrückten Sprüngen hatte ich all die Jahre nichts zu tun. Vor sechs Jahren bin ich dann mit meinem Fully im Bikepark in Portes du Soleil rumgefahren. Da waren überall Sprünge. Ich habe gedacht: Ja, spinnst Du! Aber da war es zum Anhalten schon zu spät, ich musste drüber. Das hat mir gefallen. Zurück in Regensburg habe ich meinem Händler gesagt: "Ich brauche mehr Federweg!" Der hat gegrinst: "Hey, in Deinem Alter brauchst Du doch ein Rad mit tiefem Einstieg!" Da habe ich mir das Specialized Demo gekauft. Endlos Federweg! Ich bin dann gleich nach Bischofsmais. Downhill-Strecke, Freeride-Strecke, Evil-Eye-Trail, also diese Holzgestelle da. Ein Wahnsinn! Ich bin da runtergesaust und habe die ganze Zeit Juhu! geschrien.

Was hat Dein Umfeld zu Deiner neuen Leidenschaft gesagt?
Ach, die denken doch alle: Der alte Trottel, der hat ’nen Schlag (lacht). Für mich ist das Alter nur eine Zahl. Ich fühle mich beim Biken genau so, wie vor dreißig Jahren auch schon. Neulich sagte ich zu einem Bekannten: "Kannst Du mir einen plausiblen Grund nennen, warum ich mit so einer herrlichen Sache aufhören soll, nur weil die Alterszahl so oder so ist?" Er antwortete: "Du wirst Dir noch das Genick brechen." Ich entgegnete: "Ja und? Und Du hast vielleicht irgendwann ’ne Windel am Arsch kleben und schiebst mit einem Wägelchen rum." Nee, da breche ich mir lieber beim Freeriden das Genick! Wenn man so alt ist wie ich, muss man jeden Tag genießen. Man weiß doch nicht, wie lange es noch geht.

Was ist Freeriden für ein Gefühl?
Das kann man nicht beschrieben. Das ist nur herrlich. Ich spüre im Wald ein Gefühl von Geborgenheit. Da gehört man hin als Mensch. Nicht in ein Einkaufszentrum. Wenn ich sehe, wie frustriert die Konsumenten da rumlaufen. Traurig. Wenn ich einen Baum sehe, bin ich glücklich. Ich denke dann: Was der schon durchgemacht hat. Stürme, Winter, Gewitter. Dagegen sind wir Menschen doch Schwächlinge. Der Wald ist der beste Therapieplatz. Da braucht man keine Apotheke.

Kurbelst Du auch hoch?
Na klar. Kurbeln, das ist das Wichtigste. Shutteln mag ich gar nicht. Ich habe mal bei einem Enduro-Rennen zugeschaut. Das hat bis Mittag gedauert, bis sie alle mit Bussen auf den Berg gebracht hatten. Wer keinen Berg hochkommt, der soll lieber in den
Bikepark gehen und Lift fahren. Der Genuss am Hochfahren ist für mich unersetzlich. Auf ein E-Bike würde ich mich niemals setzen.

Vor fünf Jahren hast Du durch den Internet-Film "Entspannt & locker", einem Porträt über Dich, Berühmtheit erlangt. Wie kam es zu dem Projekt?
Martin, den Filmer, habe ich in dem Radladen kennen gelernt, in dem ich das Demo gekauft habe. Die Burschen bei uns in Sinzing haben immer gebuddelt, richtig schöne Schanzen in einem Hohlweg. Herrlich. Da war ich oft fahren, und manchmal war Martin mit der Kamera dabei. Irgendwann sagte er mir, er habe da was zusammengeschnitten und ins Internet gestellt. Ich habe mit Internet nichts am Hut. Aber die Resonanz war wohl super. Der Film hat dann bei einem Kurzfilmwettbewerb sogar den ersten Preis gewonnen.

Beim Freeriden geht es viel um Style. Im Film hast Du ein massives Schutzblech am Downhiller und trägst Lycra. Mutig.
Ach, ich pfeife mir da nix. Lycra-Hosen sind praktisch. Nur leider bleibt man da schnell am Reifen hängen, wenn man hinter den Sattel geht. Da reißt es Dir die Eier ab (lacht). Deswegen habe ich das Schutzblech montiert. Da war vielleicht was los, als ich damit im Bikepark ankam. Die jungen Burschen haben getuschelt. Aber da war ganz schnell Ruhe, als sie gesehen haben, wie ich die Downhill-Strecke runtergeheizt bin. Weil das Schutzblech ständig geklappert hat, habe ich es irgendwann abgeschraubt und mir so eine Schlotterhose gekauft. Die ist am Arsch schön robust.

Sprichst Du eigentlich Szene-Slang?
Nein. Verenglischung mag ich generell nicht. Nagelstudios – Nails and more. Alles ist more. So ein Quatsch. Diese Holzdinger in den Bikeparks zum Beispiel. Northshore-Trails, sagen die jungen Leute. Für mich sind das einfach Gerüste und fertig. Diese ganzen Freeride-Videos sind auch nichts für mich. Ekelhafte Musik, hektische Schnitte (lacht). Ich will die Aufnahmen doch in Ruhe genießen.

Das ausführliche Interview mit Werner Dittrich gibt's in BIKE 3/2016. Die Ausgabe können Sie in der BIKE-App (iTunes und Google Play) lesen oder im DK-Shop bestellen:

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Henri Lesewitz am 31.03.2016
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