Extremsportler Jeffrey Norris Extremsportler Jeffrey Norris

Interview mit Extremsportler Jeffrey Norris

Jeffrey Norris, als Blinder beim 24-MTB-Stunden-Rennen

Sissi Pärsch am 17.02.2017

Ein Auge erblindete bei einem Motorradunfall, das andere bei einer Schlägerei. Alles um ihn herum war dunkel. Jetzt will der Extremsportler Jeffrey mal wieder bei einem 24-Stunden-Rennen mitmischen.

Du führst heute ein sehr aktives Sportlerdasein. Dein Leben vor der Erblindung war ja eher das Gegenteil.
So kann man das auch sagen. Nur sahen meine Touren etwas anders aus. Ich war in jungen Jahren recht unstet. Mein linkes Auge habe ich mit 18 bei einem Motorradunfall verloren. Mit Mitte 20 war ich, wie soll man sagen, ein regelmäßiger Drogenkonsument. Eine meiner polytoxen Touren endete dann in einer Schlägerei. Ich weiß nicht mehr viel. Aber das Ergebnis waren sieben Frakturen am Kopf und eine komplett abgelöste Netzhaut des rechten Auges.

Du warst praktisch blind. Wie kommt man ausgerechnet in so einer Situation dazu, mit Leistungssport anzufangen?
Ich war 1992 auf Kur, hatte 14 Operationen hinter mir und hatte nur noch 0,2 Prozent Sehkraft. Einer der Patienten nahm mich zum Laufen mit – und das war mein Wake-up Call, mein Signal zum Aufwachen. Für mich gibt es das Leben vor dem Erblinden und das Leben danach. Und mein neues Leben begann dort beim Laufen im Wald. Anfangs schaffte ich es kaum bis zum ersten Baum. Ich hab’ ja jahrelang geraucht wie ein Schlot. Aber die Erlebnisse – sensorisch und körperlich – haben mich umgekrempelt. Ich habe mich und die Umwelt so intensiv gespürt wie nie zuvor. Früher hab’ ich die Natur überhaupt nicht bewusst erlebt. Die war halt einfach da. Heute sauge ich sie auf – über Gerüche, Geräusche, Empfindungen.

Du hast bald Deine ersten Marathons bestritten und bist inzwischen mehrfacher Ironman. Wie bist Du auf Mountainbiken gekommen?
Der Einstieg kam 2010 über den Desert Dash, ein 24h-Nonstop-Rennen durch die Wüste Namibias. 370 Kilometer von der Hauptstadt Windhoek bis zur Küste nach Swakopmund. Ich war zuvor noch nie biken – und dann gleich so ein Auftakt. Mein Teampartner Hubert Schwarz sollte eigentlich mit Joey Kelly antreten, der ist aber dann mit Markus Lanz an den Südpol. Ich bin eingesprungen. Es war völlig verrückt. Wir saßen am Tag vor dem Rennen erstmals gemeinsam auf dem Bike – für ein Foto-Shooting. Das Tandem war übrigens ursprünglich für Joey Kelly und Reiner Calmund gebaut worden.

Wie bitte?
Ja, Calmund wollte damals abnehmen und Joey meinte, das würde auf einem Tandem gut funktionieren. Nach 200 Metern war Schluss.

Auf Calmunds Tandem durch die Wüste. Was war das für ein Erlebnis?
Das bereicherndste Erlebnis überhaupt. Meine Mutter hat in den Achtzigerjahren eine Zeit lang in Windhoek gelebt und immer von der Wüste geschwärmt. Damals meinte ich nur: "Was willst Du denn da, da ist doch nix." Und sie sagte: "Ich kann es Dir nicht beschreiben, aber wenn man sich darauf einlässt, dann ist es eine Offenbarung." Und genau das war es. Pure Natur. Null Ablenkung. Ich konnte meine Sinne komplett frei laufen lassen. Das war unglaublich. In der Sandwüste habe ich Hubert gebeten, mit mir abzusteigen. Ich wollte den Boden berühren und alles auf mich wirken lassen. Und da saßen wir wie zwei Jungs im Sandkasten, glücklich bis zum Anschlag. Hubert beschrieb alles so plastisch und meinte, die Sterne seien zum Greifen nah. Da ging bei mir ein Kopfkino ab. Wahnsinn.

Greifst Du bei Deiner visuellen Vorstellung auf die Zeit vor der Erblindung zurück?
Ja schon, aber ich setze mir meine Bilder einfach zusammen. Ob sie der Wirklichkeit entsprechen, ist egal. Es sind meine Bilder.

Was reizt Dich generell am Mountainbiken? Wie nimmst Du es wahr, so ganz ohne Augenlicht.
Ich bin Sammler: Ich will so viel wie möglich erleben. Und auf dem Bike ist die Wahrnehmung besonders speziell und für mich eine riesige Bereicherung. Ich bin mittendrin in der Natur, nehme alles intensiv auf. Gleichzeitig ist es eine körperliche, motorische Schulung. Man muss schnell reagieren, sich ständig auf Neues einstellen. Bergauf, bergab, Matsch, Schiebepassagen. Ich liebe das.

Ist es beim Biken von Vorteil, dass Du keine visuelle Ablenkung hast?
Absolut. Zu sehen, was da kommt, ist keineswegs nur positiv. Besonders beim Biken. Was du siehst, kann dich schließlich auch verunsichern. Das laugt mental enorm aus. Ich sehe es nicht. Ich gebe das komplett ab. Wenn mein Tandem-Partner glaubt, wir schaffen das, dann ist es auch so. Ich kann blind vertrauen. Das muss man lernen, was keineswegs einfach ist. Aber dann ist es ein immenser Vorteil.

Auf der anderen Seite ist es sicher anstrengend, immer auf einen Partner angewiesen zu sein.
Unbedingt. Partner zu finden – ob fürs Training oder Rennen – ist die größte Herausforderung. Gleichzeitig ist es ein ungemeiner Gewinn, Dinge gemeinsam erleben zu dürfen. Ich bin ja in Sportarten unterwegs, die von Einzelkämpfern beherrscht werden. Ich sehe mich hingegen vielmehr als Erlebnissportler. Ich alleine kann nichts, im Team aber so ziemlich alles erreichen. Als nächstes geht es mit drei Partnern zu den Deutschen 24h-MTB-Meisterschaften. Ich bleib’ sitzen, die anderen wechseln. Ich freu’ mich sehr drauf. 

Extremsportler Jeffrey Norris

Jeffrey Norris mit Partner auf dem Tandem in Namibia

Info Jeffrey Norris

Als 10-Jähriger kam Jeffrey mit seiner Mutter aus Texas nach Nürnberg, wo er heute noch lebt. Als Mental Coach setzt er stark auf die Schulung der Sinneswahrnehmung. Der 56-Jährige saß nicht nur auf Reiner Calmunds Tandem, sondern auch auf Günther Jauchs Stuhl (64.000 Euro). Auf seiner Bike-Wunschliste stehen noch die Tour d’Afrique sowie die Antarktis.

Im Web unter www.jeffreynorris.de

Sissi Pärsch am 17.02.2017
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