Elmar Wehner Elmar Wehner

Interview mit Elmar Wehner, Organisator 48 Std Bike-Marathon

48 Stunden Turnhallen-Marathon auf dem Mountainbike

Henri Lesewitz am 11.08.2017

48 Stunden Mountainbike-Marathon. In einer Turnhalle. Auf der Rolle. Warum zur Hölle tun sich das Jahr für Jahr 200 Biker an? Am besten, man fragt Elmar Wehner, den Organisator der Schwitzorgie.

Rollefahren ist für viele Biker das schrecklichste überhaupt. Euer Rennen geht 48 Stunden lang und ist seit Jahren ausgebucht. Wird der Reiz des Rollefahrens etwa allgemein verkannt?
Klar, Rollefahren fühlt sich erst mal an, wie gegen die Wand zu fahren. Für die Leistungsleute ist unser Rennen der absolute Selbstbeweis. Für die meisten ist es aber vor allem ein Erlebnis. Im Winter liegt bei uns in der Röhn der Schnee zwanzig, dreißig Zentimeter hoch. Da ist das Fahren auf der Rolle eine gute Alternative. Das geht super vor dem Fernseher. Das Rennen ist dann der Höhepunkt der kalten Jahreszeit. Jeder hat während der 48 Stunden seine Höhen und Tiefen. Aber gegen Schluss kommt die Euphorie.

Es wird ja traditionell in Achter-Teams gefahren. Traut sich niemand, solo anzutreten?
Ganz am Anfang, als das Rennen noch in der Schulturnhalle in Gersfelden ausgetragen wurde, sind mal zwei Solo-Fahrer gegeneinander gefahren. Für mich war das Selbstmord. Beides waren superfitte Sportler. Zweimal drei Stunden haben sie geschlafen. Beide sind hinterher aus der Halle geschlichen wie Hunde. Die waren fix und fertig. Es war irre.

Abgesehen davon, dass das Panorama in einer Turnhalle nicht so besonders ist: Was ist der größte Unterschied zwischen Outdoor- und Indoor-Biken?
Vom Gefühl her geht es immer hoch. Es ist, wie einen endlosen Berg hochzufahren, ohne dabei den Berg zu sehen. Die psychische Komponente ist natürlich extrem. Es gibt ja keine Landschaft, die Abwechslung bringt. Der Tacho ist wie ein Gespenst – er ist das einzige Maß, alles, was man sieht. Der vielleicht größte Unterschied ist aber wahrscheinlich, dass der Körper sehr schnell, sehr, sehr heiß wird. Man muss das Schwitzen in den Griff bekommen. Viele stellen Lüfter neben die Rolle. Trinken während des Tretens ist eher schwierig. Man muss sich dazu aufrichten, die Leistung geht runter, der Atemrhythmus kommt durcheinander. Bei einem normalen Marathon kann man ja zwischendrin auch mal ein Stück rollen. Das geht beim Hallen-Biken nicht. Da muss man treten, treten, treten. Immer mit maximalem Puls. Das geht bis auf 190 Schläge hoch.

Wer kam auf die Idee, ein 48 Stunden langes MTB-Rennen in einer Turnhalle zu organisieren?
Erfunden hat es vor 15 Jahren Jürgen Erhardt, ein Bike-Verrückter aus der Gegend. Es war eine Art Schnappsidee. Das Rennen hieß anfangs noch "Draad Ni-Cup", was so viel wie "Reintret-Cup" bedeutet – Röhnischer Slang. Im ersten Jahr waren acht Teams am Start. Das Orga-Team bestand aus drei Leuten. Ausgetragen wurde das Rennen in der Turnhalle in Gersfeld. Man musste den Computerstand selbst ablesen, nachts gab es wegen der Zeitschaltuhr nur kaltes Wasser zum Duschen. Bei meinem ersten Start hatte ich kaum trainiert. Oh, war das schwer! Es war verrückt. Ich hatte noch nie zuvor Fahrer mit dicken Kissen unterm Hintern gesehen. Eine top Veranstaltung. Aber ich dachte: Das kann man für die Sportler noch besser machen. Ich habe mich dann mit Jürgen abgestimmt und organisiere das Rennen seitdem selbst – jetzt eben bei uns in Poppenhausen.

Wer macht da eigentlich mit?
Ambitionierte, aber auch normale Biker. Mit 25 Mannschaften sind wir seit Jahren ausgebucht, teilweise mit Warteliste. Wir haben schon Startplätze im Rahmen eines Kneipen-Events ausgewürfelt, um den Leuten nicht einfach so absagen zu müssen. Die Teilnehmer reisen bis zu 100 Kilometer weit an.

Zwei Tage auf der Rolle müssen wie Folter sein. Gibt es Tricks, um die Psyche bei Laune zu halten?
Wenn man spürt, wie der Körper abbaut, man aber Power bringen muss, kann das richtig psycho sein. Es gibt ein Rahmenprogramm. Da kommt mal eine Trommelgruppe, mal eine Schulklasse, die Stimmung macht. Viele fahren mit Kopfhörer, um sich richtig in den Rhythmus zu dröhnen. Ich zum Beispiel mag das Takttempo klassischer Rock-’n’-Roll-Musik. AC/DC, so was. Am allerwichtigsten ist aber, denke ich, das Team. Die Motivation, durchzuhalten und die anderen nicht im Stich zu lassen, lässt einen so manchen Tiefpunkt überwinden. Eine andere Sache ist, dass man durch das Rollefahren nie das Gefühl hat, abgehängt zu werden. Alle fahren immer zusammen. Das hat einen positiven Effekt. Na ja, und dann wende ich noch einen kleinen Trick an. Wobei: Ich weiß nicht, ob ich das verraten soll…

Wir sind ganz Ohr …!
Okay. Die Rollen werden ja von uns gestellt, um Chancengleichheit zu garantieren. Ich stelle die Tachos immer etwas höher ein. Natürlich für alle gleich. Die Schwächsten fahren dann so um die 20 Kilometer pro Stunde, die Schnellsten mehr als 50 Kilometer. Das hat einen positiven psychologischen Effekt.

Was gibt es eigentlich zu gewinnen?
So gut wie nix. Die Sieger bekommen Pokale. Aber letztlich wird um die Ehre gefahren. Das Rennen soll in erster Linie ein Gemeinschaftserlebnis sein. 


Elmar Wehner

Kultrennen: 48 Stunden Marathon in der Turnhalle von Poppenhausen

48 STUNDEN HALLEN-BIKEN

Das 48-Stunden-Rennen entstand vor 15 Jahren aus einer Laune heraus. Heute genießt es Kultstatus. Jedes Jahr im März treten in der Turnhalle in Poppenhausen knapp 200 Fahrer in 8er-Teams zum Rolle-Marathon auf Mountainbikes an. Die Ergometer werden vom Veranstalter gestellt und sind gleich eingestellt. Sieger ist, wer in 48 Stunden die meisten Kilometer abspult. Mehr Infos: www.hallenbike.de


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Henri Lesewitz am 11.08.2017
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