Fitness: Biken mit Kindern Fitness: Biken mit Kindern

Fitness: Biken mit Kindern

So wird die Bike-Tour für Kinder und Eltern zum Genuss

Björn Kafka am 19.04.2017

Wer mit seinem Nachwuchs auf Tour startet, sollte sich wappnen. Denn schnell wird aus der Spaßrunde eine nervliche Zerreißprobe. Wir sagen, wie die Ausfahrt für Eltern und Kinder zum Erlebnis wird.

Da ist er wieder: der gemeinste Vater der Welt. Mitten auf dem Isarradweg brüllt mein Fünfjähriger Flora und Fauna zusammen, während ich 20 Meter weiter auf meinem Oberrohr hocke. Ich bin genervt, frustriert und hungrig. Seit 30 Minuten versuche ich, mit Junior zum Pumptrack zu fahren – weniger als drei Kilometer. Aber Lasse hat keinen Bock und kreischt.

Bike-Touren mit Kindern – da liegen Lust und Frust nahe beieinander. Während Papa Höhenmeter fressen will, träumt der Nachwuchs vom Bikepark. Nicht alleine, sondern mit dem Papa. Dass Sport im Einklang mit dem Nachwuchs funktionieren kann, zeigen unzählige Beispiele: sei es eine Transalp mit Kindern, ein gemeinsamer Ausflug zum Dirtpark oder eine Runde auf dem Hometrail. Aber wie gelingt das Zusammenspiel zwischen Erwachsenen und Junioren? Dazu muss man wissen, wie Kinder ticken und wie ihr Körper funktioniert. Denn der Nachwuchs hat mehr drauf, als viele glauben.

Und das bekomme ich eine Woche später 100fach präsentiert: Eine unüberschaubare Menge an Kindern zwischen sechs und 15 Jahren flitzt mit ihren Bikes über den Pumptrack des SV Reudern. Der Verein des beschaulichen Örtchens zwischen Stuttgart und Reutlingen hat sich die Nachwuchsförderung auf die Fahnen geschrieben. Mitten im Getümmel steht Detlef Burk. Er dirigiert die Meute, gibt Anweisungen und zeigt, wie man es über die Hindernisse schafft, ohne ins Straucheln zu kommen. "Die fahren heute sicher 30 bis 40 Kilometer", sagt der Trainer.

30 bis 40 Kilometer? Das klingt nahezu unglaublich, aber Burk fügt an, was die Kinder jegliche Anstrengung vergessen lässt: "Die haben so viel Spaß, dass die das nicht merken. Das ist auch der Schlüssel auf Touren: Kinder wollen Sachen entdecken und sich selbst erleben. Wenn der Weg spannend genug ist, dann muss man gar nicht Bespaßen oder mit Eis locken." Wie gut diese "Spaßveranstaltungen" vom SV Reudern funktionieren, zeigt sich in Ergebnislisten der Älteren, zum Beispiel von deutschen Nachwuchs-Meisterschaften, in denen sich einige Medaillenträger vom SV tummeln. "Die sollen einfach nur fahren", sagt Burk. Gedanken an Weltmeisterschaften oder ähnliche Wettbewerbe gehören hier nicht hin. "Ausdauergebolze brauchen die gar nicht, das können die schon gut genug. Viel wichtiger ist die Motorik", ergänzt Burk und schlurft zum Starthügel.

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So macht Biken Spaß! Abwechslung, Ablenkung und Herausforderung machen Touren für den Nachwuchs zum Genuss. Lange, monotone Anstiege sollten Sie vermeiden.

KINDLICHE AUSDAUER

Gleichwohl, Ausdauer sollten Kinder schon besitzen, wenn sie mit den Eltern fahren. Oftmals machen sich die Erwachsenen einen zu großen Kopf, was ihre Kinder können, denn die Zwerge sind Ausdauermonster. Ein Blick in die Studienlage zeigt schnell: Mit Kindern auf Tour zu gehen, ist rein physiologisch absolut in Ordnung. Das glauben Sie nicht? Dann probieren Sie einmal Folgendes aus: Machen Sie einen ganzen Tag lang jede Bewegung nach, die ihr Nachwuchs ausführt. Ich garantiere Ihnen, dass Sie nach der Hälfte des Tages das schweißnasse Handtuch werfen. Der Grund sind die energetisch-physiologischen Voraussetzungen für hohe Ausdauerleistungen von Kindern und Jugendlichen. Kinder haben eine höhere Fettoxidationsrate als Erwachsene, die Konzentration von freien Fettsäuren im Blut steigt bei moderater Ausdauerbelastung sehr schnell an – sie sind praktisch wie Ein-Liter-Autos. Kinder sind sozusagen aufs Überleben getrimmt, denn sie nutzen vor allem Fett als Energiequelle – auch bei Nahrungsmangel. Zudem ist die Zahl der Mitochondrien in der Muskelzelle (die Kraftwerke der Zelle) höher als bei Erwachsenen. Sie haben demnach auch noch den größeren Turbo als viele Eltern. Wenn man so will: Vom System her haben Kinder die Ausdauer eines Erwachsenen, der mehrere Jahre intensiv Ausdauertraining betreibt. Damit sind sie für Ausdauerleistungen prädestiniert.

Aber heißt das jetzt, dass Kinder jeden Tag 20 Kilometer biken oder rennen sollen? Nein, denn ein Motor, der bereits gut funktioniert, muss nicht mehr aufgebohrt werden. Übrigens hat man das alles schon versucht: 13-Jährige, die Marathons in 02:45 Stunden rennen. Bis der Leichtathletikverband den nötigen Riegel vorschob. Wieso der Verband das tat?: Aus diesen vermeintlichen Wunderkindern wurden keine Weltklasseathleten. Die meisten landeten beim Orthopäden mit Haltungsschäden und verschlissenen Gelenken. Kinder brauchen keine Ausdauer, sie benötigen Motorik, die über Spaß und Spiel erlangt wird.

GRENZEN  DER KINDERKRAFT

Und da ist mein Junior Lasse voll dabei: Sein zentrales Nervensystem glüht förmlich. Anstatt auf dem lahmen Isarradweg zu kurbeln, wechsle ich nach unserem letzten Desaster auf den Trail, der direkt am Fluss entlangläuft. Lasse fährt über die Buckelpiste, presst sich in den Anlieger und kurbelt danach weiter in die nächste Senke. Ich komme in den engen Kurven knapp hinterher und staune, wie er mit driftendem Hinterrad um die scharfe Ecke zirkelt. Ja, ein wenig Stolz darf man da schon sein. Aber keine vier Minuten später bleibt der Knirps stehen und flennt: Vollkommen ausgepumpt steht er vor mir. Der Kopf purpurrot und ein weißes Dreieck zeichnet sich unter seiner Nase ab – ein eindeutiges Anzeichen dafür, dass eine Pause eingelegt werden sollte.

Kinder, besonders kleine, sind wie Rennpferde: Sobald sie losgelassen werden, fahren sie bis zur Erschöpfung. Auch wenn die Ausdauer stark ausgeprägt ist: Die Kleinen geben meist Vollgas und dementsprechend schnell knurrt der Magen. Aus diesem Grund sollte auf jeder Tour, egal wie kurz, immer Proviant mit im Rucksack stecken. Ich drücke Lasse eine Butterbreze in die Hand. Die Batterien laden auf. Keine zehn Minuten später rast er weiter über den welligen Weg.

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Ab sieben Jahren können Kinder rational Fahrtechnik-Tipps verarbeiten, aber gehen Sie dosiert damit um! Davor heißt es "learning by doing”, die Kleinen lernen intuitiv.

FREIHEITEN LASSEN

Wie wähle ich den richtigen Weg, und wie steht dieser im Verhältnis zur Entwicklung des Kindes? Dazu schaut man sich kurz an, wann und wie Motorik erlernt wird: Motorik umfasst alle Verhaltensweisen, die ein aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel bestimmter Muskeln fordern, wie Greifen, Krabbeln, Bremsen oder Gehen. Die motorische Entwicklung beim Kind findet durch eine Mischung von Reifungs- und Lernprozessen statt. Im Babyalter spielen Reifungsprozesse die wichtigste Rolle. Deshalb ist nicht zu beeinflussen, wann ein Kind sitzen, krabbeln oder laufen kann. Überambitionierte Eltern, die den Winzlingen mit Gehwagen und Sitzhilfen nachhelfen wollen, schmeißen Geld zum Fenster raus, das besser in Pampers investiert wäre. Diese Fähigkeiten lassen sich nicht beschleunigen. Jedes Kind eignet sie sich selbst an und hat dabei sein eigenes Entwicklungstempo. Voraussetzung ist jedoch, dass Kinder Möglichkeiten haben, sich in ihrem derzeitigen Entwicklungsstand motorisch zu betätigen: Sie benötigen ein Umfeld, das interessant genug ist und in dem sich die Eltern zurücknehmen. Kinder haben einen ausgeprägten Selbstschutz und wollen sich keine Treppen runterwerfen, auch wenn sie manchmal einen fahrlässigen Eindruck vermitteln. Begleiten und lediglich aufpassen, das ist der Schlüssel für eine gesunde und eigenständige Entwicklung. Permanente Panik und starke Besorgnis führen meist dazu, dass Kinder sich später weniger zutrauen und vor allem ihrem Körper weniger vertrauen. Im Kleinkindalter erlernt das Kind die Grundformen der sportlichen Motorik, wie Laufen oder Rennen, Klettern, Springen, Balancieren, Fangen und Werfen. Diese werden immer weiter verfeinert, werden sicherer und flüssiger. Später kommen, abhängig vom jeweiligen Bewegungsangebot im Umfeld des Kindes, neue spezifische Fertigkeiten wie Rollschuhlaufen, Schwimmen oder Radfahren hinzu. Die motorische Entwicklung vollzieht sich in erster Linie über Erfahrungs- und Lernprozesse.

RICHTIGE STRECKENWAHL

Was bedeutet das für die Touren-Wahl mit dem Filius? Anfangs sollten Sie einfache, aber spannende Strecken wählen. Der Schlüssel zu einem gelungenen Familienausflug ist, fordern, aber nicht überfordern. Die Tour muss für die Kinder überschaubar bleiben. Grundsätzlich gilt: Eltern müssen ihre eigenen Ansprüche senken. Sie sollten die Umgebung und die Strecke gut kennen. Wo sind Anstiege, und wie lang sind sie? Gibt es irgendwo interessante Rastpunkte, um den Proviant zu verfüttern? Vielleicht das Wichtigste: Notausstiege, an denen man die Tour bei Problemen abbrechen kann.

Längere Anstiege sind Gift – kein Kind radelt gerne eine Stunde nonstop bergauf. Ein gutes, leichtes Kinder-Bike vermeidet viel Frust. Ein Zehn-Kilo-Rad bei 20 Kilo Körpergewicht senkt die Fun-Skala für Ihr Kind deutlich unter Null. Oder möchten Sie mit einem 40-Kilo-Bike fahren?

Suchen Sie sich einen Waldweg, der genug Abwechslung bietet. Wieso nicht auch mal den Baum am Rand hochklettern oder die Schnecken anschauen? Übrigens: Kleinen Kindern muss man nicht zeigen, wo beim Bergabfahren der Körperschwerpunkt über dem Tretlager liegen sollte. Auf Theorie haben sie keinen Bock. Kleinkinder schauen sich das einfach ab: learning by doing. Ab sieben Jahren kann, wenn das Kind möchte, natürlich etwas gezeigt werden. Davor ist es für beide Seiten frustrierend, eine Art Lehrer-Schüler-Verhältnis aufzubauen.

Und dann ist er wieder da, der gemeinste Papa der Welt. Lasse zappelt wie ein Regenwurm in meinen Armen. Nach Salamibrötchen und Badewanne steht das Zähneputzen an – und darauf hat er so viel Lust wie auf angewandte Physik im Bikesport. Egal, welche Geschichte ich auftische, seien es die Zahnmonster oder die Fee – Junior will nicht. Er brüllt, rennt ins Bett und verkriecht sich unter der Decke. Ich kapituliere und kuschel mich dazu. "Papa, du, morgen müssen wir aber noch weiterfahren, über den kleinen Fluss", flüstert Lasse und atmet schwer. Ich brumme ein "Ja", und keine zwei Minuten später schläft der Kleine.

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Björn Kafka am 19.04.2017
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