EMTB Test: All Mountain Highend-Fullys EMTB Test: All Mountain Highend-Fullys

EMTB Test 2016: E-MTB-Fullys Topmodelle

Königsklasse: die besten E-MTB-Fullys im Test

Stephan Ottmar am 14.07.2016

Ohne Rücksicht auf Preis und Vernunft – diese E-Bikes markieren die Speerspitze in Sachen Innovation, Technik und Design. Dies ist der aufwändigste E-MTB-Test aller Zeiten in der Praxis und im Labor.

Knirschend verliert das Hinterrad auf dem losen Schiefergestein die Traktion. Fokussieren, konzentrieren, Blick nach vorne. Der kleinste Fehler wäre jetzt fatal. Das würde Schieben bedeuten. 200 Höhenmeter bis zur Passhöhe durch knöcheltiefen Schotter. Doch ich schaffe es. Im allerletzten Moment verbeißt sich der Hinterreifen wieder tief in der schwarzen Geröllhalde. Und die Kombination aus Muskelkraft und gleichmäßiger Motor-Power schiebt mich weiter nach oben. Zwei Bergsteigerinnen spenden spontan Szenenapplaus.

Das Madritschjoch auf 3123 Metern ist der höchste mit dem Bike erreichbare Alpenpass. Berüchtigt für seine extrem steilen Schotteranstiege, einzigartig durch seine spektakulären Blicke auf Ortler, Monte Zebru und die Königsspitze. Mit dem normalen Mountainbike gilt der Pass als unfahrbar, nur gerüchteweise hört man von angeblichen Erstbefahrungen. Kurz: perfekte Testbedingungen für die Crème de la Crème der E-MTBs. 

In diesem Testfeld kämpft die versammelte Top-Riege der großen Marken. Aber auch ein paar Leckerbissen kleiner, erlesener Innovationsschmieden sind am Start. 

Diese E-MTB All Mountain-Fullys finden Sie im Test:

• BH Xenion Jumper Pro
• Cube Stereo Hybrid 140 HPA (EMTB-TIPP: Preis-Leistung)
• Haibike Xduro Allmountain Pro
• KTM Macina Kapoho 27.5+X1 CX5
• Moustache Samedi 27/9 Race 7
• Rotwild R.X+FS Evo (EMTB-TIPP: Singletrail)
• Scott E-Genius 710 Plus
• Specialized Turbo Levo FSR Expert (EMTB-TIPP: Innovation)

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Insgesamt acht Top-Bikes der All-Mountain-Klasse weisen den Weg in die Zukunft dieses Sports, auch wenn sie wenig Rücksicht auf den Geldbeutel nehmen. Denn die Preise liegen auf dem Niveau gebrauchter Kleinwagen: 7000 Euro sind fürs Rotwild fällig. Knapp dahinter folgen Haibike und Specialized. Cube, Mous­tache und Scott liegen bereits deutlich unter 6000 Euro. KTM und BH sind mit 4899 und 4499 Euro die günstigsten Bikes in diesem Vergleich.

Szenenwechsel. Gardasee, Torbole. Die Test­runde unseres Muttermagazins BIKE erweist sich auch für die E-Mountainbikes als geeignet. Allerdings erweitern wir die Runde um ein paar gemeine Steilpassagen, um die Eindrücke vom Madritschjoch noch mal zu überprüfen. Und tatsächlich entdeckten wir in dieser Disziplin die deutlichsten Unterschiede. Da mit Motorunterstützung extreme Steigungen fahrbar sind, ist eine zu leichte Front Gift für die Klettereigenschaften. Ohne reichlich Druck auf dem Vorderrad lässt sich das Bike nicht mehr präzise steuern und verliert immer wieder die Spur.

Geometrie, Motor, Übersetzung, Reifen – entscheidend für die Klettereigenschaften sind diverse Faktoren. Interessant: Zwei Bikes, die diese Disziplin am besten meistern, rollen auf dicken Plus-Reifen. Scott und Specialized. Die Reifen haben einen großen Anteil am Thema "Vortrieb". Das merkt man besonders beim Specialized Levo, da das Bike mit dem Brose-Antrieb im Vergleich zu den Bosch-getriebenen Konkurrenten über den schwächeren Motor verfügt. Dass jedoch Plus-Reifen nicht gleich Plus-Reifen bedeutet, zeigt das KTM: Die Schwalbe Rocket Ron lassen vor allem bei Nässe den nötigen Grip vermissen und verlieren sogar gegen die meisten Reifen mit klassischer Dimension.

Auch die Wahl der Übersetzung beeinflusst die Klettereigenschaften in hohem Maße. Beispiel: Der Antrieb des BH Xenion Jumper Pro bleibt deutlich hinter den Leistungen der Konkurrenz zurück. Trotz Bosch-CX-Antrieb schwächelte das Bike bergauf so sehr, dass selbst der eigentlich kräftige Turbo-Modus nur wenig ausrichten konnte. Ursache: Die 11–36er-Kassette im Hinterrad und das 18er-Ritzel am CX-Motor eignen sich für steiles Terrain nicht.

EMTB Test 2016: All Mountain Highend-Fullys

Von wegen träge: Dank ihres niedrigen Schwerpunkts liegen die E-Mountainbikes satt auf dem Trail, und nach kurzer Eingewöhnungsphase gehen die gewohnten Manöver leicht von der Hand. 

Die Gretchenfrage dieses Tests: Bosch oder Brose?

Sechs Bikes fahren mit Bosch in der neuen, stärkeren CX-Version. In zwei Bikes hängt ein Brose-Aggregat am Tretlager: Specialized und Rotwild. Optisch punkten diese beiden Modelle mit gelungener Systemintegration des Akkus und des (kleineren) Motors im Unterrohr. Zumindest ähneln die beiden Brose-Modelle am ehesten klassischen Mountainbike-Formen. Der technische Vorteil: Der integrierte Akku schafft Platz für eine Wasserflasche.

In Sachen Performance funktionieren beide Systeme gut, legen aber unterschiedliche Charakteristika an den Tag. Brose gibt mit 100 Newtonmetern ein höheres Drehmoment an als Bosch (75 Newtonmeter). Diese Werte decken sich nicht mit den Praxiserfahrungen. Der Brose-Antrieb verlangt mehr Muskeleinsatz und stellt an Steilstücken bei höchster Unterstützungsstufe spürbar weniger Power zur Verfügung, so die einhellige Meinung aller E-MTB-Testfahrer. Auch in Sachen Steuerung, Ansprechverhalten und Komfort hat Bosch im direkten Vergleich die Nase vorne. Vier wählbare Unterstützungsstufen bei Bosch lassen eine feinere Abstufung zu als drei Stufen bei Brose. In der Praxis stellen wir tatsächlich ein unterschiedliches Nutzungsverhalten beider Systeme fest. Bei den optisch und akustisch auffälligen Bosch-Bikes arbeitet man ständig und aktiv mit den Unterstützungsstufen, ähnlich der Gangschaltung bei einem Sportwagen. Je nach Untergrund, Steigung und bevorzugter Geschwindigkeit wechselt man zwischen Eco- und Turbo-Modus. Der Brose-Antrieb hingegen arbeitet mehr im Hintergrund, ist optisch unauffällig und auch leiser. Das System protzt nicht mit unbändiger Power, und man fährt deutlich schaltfauler, meist in der höchsten Unterstützungsstufe – der Komfort-SUV mit Automatikgetriebe. Außerdem kann man die Brose-Bikes wie normale Mountainbikes weiterpedalieren, wenn der Akku leer ist. Bei Bosch tritt man gegen einen spürbaren Widerstand. Wenn man diesen Vergleich will, dann gehen die Bosch-Bikes mehr Richtung "motorisiertes Fahrzeug". Brose-Bikes wollen dagegen mehr Fahrrad sein.

Auch das Display-Design geht in diese Richtung. Bosch-Kunden stehen lediglich zwei recht klobige und exponierte Einheits-Displays zur Auswahl: Das Intuvia-Standard-Display an fünf der sechs Bosch-Bikes ist jedoch einfach und übersichtlich. Ein Daumenschalter zum Wechsel der Unterstützung gibt gute Rückmeldung. Das große Bosch-Nyon-Display am Haibike bietet hohe Konnektivität, besitzt Möglichkeiten zur Navigation und lässt sogar Feineinstellungen am Antriebssystem zu.

Bikes mit Brose-Antrieb bieten Individualität. Das Specialized Levo kommt ohne Bedienelemente und Display am Lenker. Zwischen den drei Fahrstufen wechselt man über zwei Druckknöpfe seitlich am Akku. Hier sitzt auch die Anzeige für den Füllstand. Besser gefällt uns das Mini-Display am Rotwild, es ist gleichzeitig auch Daumenschalter zum Wechseln der Fahrstufe. Aktuell arbeiten die Hersteller mit Hochdruck an der Anbindung von Navigationsgeräten. Bei Brose lassen sich bereits einige Werte via ANT-Standard auf Fremdgeräten anzeigen oder Einstellungen über eigene Apps vornehmen. Specialized sticht hier mit der Mission-Control-App aus dem Feld heraus. Sie ermöglicht über das Smartphone Anpassungen der Motorcharakteristik ebenso wie Navigation und Reichweitenabschätzung. Die neueste Entwicklung der Amerikaner ist ein Bedienelement am Lenker für die Unterstützungsstufen sowie das Connect-IQ-System, das sich auf Garmin-Navigationsgeräte aufspielen lässt.

Und welches System fährt effizienter?

In der Reichweitenübersicht lässt sich ablesen, wie hoch wir bei maximaler Unterstützung auf unserer asphaltierten Referenzstrecke kamen. Ein wichtiger Wert für die Touren-Planung: So hoch sollten Sie bei maximaler Unterstützung also mindestens kommen, wenn Sie nicht wesentlich schwerer sind als unsere Testfahrer, die wir mit Zusatzgewichten auf 81 Kilo normiert haben. Allerdings kann man an der Reichweite nicht ablesen, wie effizient ein System arbeitet. Dafür spielen Geschwindigkeit, Größe der Batterie, Reibung, Wirkungsgrad des Ladegerätes etc. ebenfalls eine Rolle. Einen Vergleich der Effizienzwerte finden Sie auch auf Seite 26. Erstaunlich: Die 400-Wh-Akkus von Bosch arbeiten effizienter als die 500er (Ausnahme Scott). Die beiden Brose-Antriebe schneiden bei der Reichweite gut ab, landen allerdings bei der Effizienz weiter hinten. 

Die Abfahrts-Performance aller Bikes liegt auf hohem Niveau. Specialized, Haibike und Scott funktionieren am besten. Dabei nutzen Haibike und Scott zwei sehr gegensätzliche Ansätze. Das Hai steht auf Standardreifen und hat einen hohen Schwerpunkt. Damit ist es sehr agil, verlangt nach guter Linienwahl und einer ruhigen Hand am Lenker. Beim Scott genügt eine grobe Richtungsvorgabe durch den Fahrer, den Rest erledigen Fahrwerk und Reifen. Das Bike bietet enorme Sicherheit und ist damit ideal für Einsteiger. Das Specialized glänzt mit einem gut abstimmbaren Fahrwerk, lässt sich hervorragend kontrollieren und verfügt über große Reserven. Zurück ans Madritschjoch: Kurz vor dem höchs­ten Punkt finden wir dann doch die Grenze des für uns Machbaren. Eine steile Spitzkehre mit weichem Boden. Zu steil, zu wenig Traktion, keine Kraft mehr in den Beinen auf über 3000 Metern Höhe. Es kommt zu einem spontanen Bergaufwettkampf ohne Gewinner: Alle haben es versucht und sich gegenseitig angefeuert und mussten schließlich trotz aller Bike-Performance auf den letzten Metern kapitulieren. So viel Fahrspaß gab es ohne E-Antrieb bisher nur bergab.

Test-Fazit von Dipl.-Ing. Stephan Ottmar:

Bosch oder Brose – das ist hier die Gretchenfrage. Punktemäßig fällt Brose aufgrund der schwächeren Leistung etwas zurück. Trotzdem: Wer ein Bike mit klassischer Optik und integriertem, leisem Antrieb will, entscheidet sich für Specialized oder Rotwild. Bikes mit kräftigem Bosch-Motor tragen ihre Potenz allein schon optisch zur Schau. Alle funktionieren gut, zeigen aber ganz unterschiedliche Charaktere: Haibike und Moustache sind mit ihren kurzen Geometrien echte Kurvenkünstler, Scott ist der Cruiser, Cube liegt irgendwo dazwischen. Wer lange Touren plant, sollte trotzdem einen Zweit-Akku an Bord haben. Egal, ob Bosch oder Brose – zwischen 1200 und 1400 Höhenmetern geht allen der Saft aus.

Stephan Ottmar

Stephan Ottmar, Testleiter des EMTB Magazins

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Stephan Ottmar am 14.07.2016
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