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EMTB: Rennen Roc d’Azur mit dem Ebike

Ein Selbstversuch

Gerolf Meyer am 11.01.2017

Das legendäre Bike-Festival Roc d’Azur öffnet sich dem E-MTB. Unser Autor ist beim noch frischen E-Event Rando Roc Electrique mitgefahren. Von Renngefühlen, verschobenem Fokus und der Regelfrage.

„Trois, deux, un.“ Einklicken – und dann ist es da, das Geräusch: Wie Bienen schwirrt die kleine Horde E-Mountainbiker aus dem viel zu großen Startblock des Roc d’Azurs in Fréjus an der französischen Mittelmeerküste. Es ist Anfang Oktober, der Herbst löst gerade den Sommer ab, und hier an der Côte d’Azur feiert die Bike-Szene ihr Saisonfinale. Auf dem weitläufigen Gelände wirken die elektrischen Reiter noch etwas verloren. Aber immerhin: Seit dem letzten Jahr gibt es die Rando Roc Electrique, eine Ausfahrt für E-MTBs auf dem Wettkampfkurs des „normalen“ Roc-d’Azur-Rennens. Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Teilnehmerzahl der E-Klasse 2015 vervielfacht: von spärlichen 20 auf immerhin 91 Teilnehmer. Und ich bin einer von ihnen.

Offiziell ist es eine Ausfahrt, aber gefahren wird sie natürlich wie ein Rennen. Schließlich ist alles darauf ausgelegt: die breite Front im Startblock, die aufpeitschende Musik, das kollektive Runterzählen, das Nesteln am Griff. Nach dem Startschuss geben Muskeln und Motoren volle Kraft. Auf den ersten flachen Kilometern, die bis zur Einfahrt in das kleine Küstengebirge zurückgelegt werden müssen, heißt das: permanent an der Unterstützungsgrenze kurbeln. Eigentlich gibt es in der neu geschaffenen Kategorie keine Regeln und keine Kontrollen, und man könnte getrost mit wild getuntem Material antreten.

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Abwechslungsreicher Kurs am Mittelmeer: Beim Roc d’Azur geht’s über Trails und auch am Strand entlang. Zermürbend mit klassischen Bikes, aber eine wahre Freude mit dem E-MTB.

Die meisten Teilnehmer sind trotzdem mit Rädern am Start, die wie üblich bis 25 km/h unterstützen. Auf den ersten ebenen Kilometern, auf breiten Wegen ohne technischen Anspruch, ist das im gefühlten Rennen natürlich viel zu wenig. Fällt man unter die Grenzgeschwindigkeit, schiebt der Motor mit Macht, nur um dann spätestens bei 26 km/h auszusetzen und das Bike zu einem schweren Brocken zu machen, an dem ein Motor und ein Akku funktionslos mitfahren. Bis man wieder unter die 25 km/h-Schwelle fällt und das Spiel von Neuem beginnt. Das führt dazu, dass sich die Distanzen zwischen den Fahrern nur langsam und unrhythmisch ändern. Da fährt jemand 20 Meter voraus und ist doch schwer zu erreichen. Hat er einen größeren Laufraddurchmesser eingestellt und damit sein System überlistet? Oder wurde anderweitig am Motor getunt? Man weiß es nicht. Doch der flache Wettstreit sorgt dafür, dass man trotz E-Unterstützung mit hohem Puls unterwegs ist. Es ist kein Rennen. Aber vorn fahren ist trotzdem schön.

Nach wenigen Kilometern sind die Hügel erreicht und das lang gezogene Feld biegt ab auf die Trails. Der Untergrund aus Kalkstein ist ruppig, zerklüftet und scharfkantig. Statt über flowigen Waldboden, schlängelt sich die Strecke über loses Geröll, die Anstiege und Abfahrten sind steil. Darum merke ich auch schnell, dass wir auch mit unmotorisierten Bikern auf dem Kurs unterwegs sind. Durchtrainierte Cross-Country-Fahrer mit rasierten Waden keuchen auf ultraleichten Carbon-Maschinen kraftvoll den Hügelkuppen entgegen. Ohne Motor wären sie unerreichbar. Ihre Körper und Maschinen sind auf maximale Effektivität getunt.

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Ohne Wertung erlaubt, im Rennen problematisch: Akku-Tausch an strategisch günstiger Stelle.

Mit Motor im Tretlager kommt einem das Rennen vor wie eine verkehrte Welt: Zwischen Sport- und Turbo-Modus wechselnd besteht die Herausforderung darin, bergan die richtige Linie zu treffen, um den losen Steinfeldern auszuweichen. Sonst würde das Hinterrad Traktion verlieren, und in den Steilstücken ist Anfahren nicht mehr möglich. So werden Anstiege plötzlich zu herausfordernden Fahrspaßpassagen, auf denen man die überholten Biker mit einem freundlichen „Salut“ oder „Merci“ fürs Platzmachen grüßt. Auch auf dem E-MTB muss man sich hier anstrengen. Der Puls schlägt im Entwicklungsbereich. Von selbst fahren sich diese Anstiege beileibe nicht, doch der Schwerpunkt der Belastung ist ein Stück weit verschoben. Statt purer und letzter Muskelkraft sind eher Konzentration, gute Linienwahl und die richtige Gewichtsverteilung auf dem Bike gefragt. Die kombinierte Kraft aus Motor und Beinen muss in der richtigen Dosierung auf den Untergrund. Wenn das gelingt, stellt sich eine eigene Art von Fahrspaß ein: Berganführende Trails werden plötzlich anders betont, Technik und Skills schlagen Kondition. Man fährt in einem anderen Rhythmus.

Diese Verschiebung folgt dann auch in den wenigen Flachstücken, in denen ich immer wieder „rausnehmen“ muss, um enge Kurven oder tiefe Rinnen und Auswaschungen zu meistern. Bergab entscheiden, wie auf jedem Bike, die Fahrtechnik, der Mut und der Geschwindigkeitsrausch über das Tempo, das man sich zutraut. Mit einer Ergänzung: Motor und Akku sind an meinem Rad zentral positioniert, der Schwerpunkt ist tief, mein Fully liegt satt auf dem Trail. Dieser Effekt sorgt spürbar für Sicherheit.

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Herman Hermans, 61
Besitzt sein E-Mountainbike seit fünf Monaten. 1987 hat der Belgier sein erstes Mountainbike gekauft und die Leidenschaft an seine drei Söhne weitergegeben. Um mit dem sportlichen Nachwuchs fahren zu können, hat er sich das E-Bike gekauft. "Es hilft mir einfach am Berg, und das Radfahren macht mir wieder Spaß."

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Olivier Comte, 50
Fährt seit drei Jahren E-Mountainbike, davor ohne Unterstützung oder auf dem Motorrad. Warum er nicht mehr zurückwill? "Weil ich kein Champion bin! Ich muss nicht immer in Bestform bleiben." Wenn er Sport machen will, schaltet er einfach den Motor ab. Seine Beobachtung: "Wer sich draufsetzt, hat Spaß. Egal, wie er vorher dachte."

Spürbar ist allerdings auch, wie die immer wiederkehrenden, steilen Anstiege die Energie aus dem Akku saugen. Sollte ich im Flachstück im Nachteil gewesen sein, weil die maximal unterstützte Geschwindigkeit meines Motors minimal unter jener der Konkurrenten lag, weiß ich jetzt um die Zwischenstation mit speziell für mich bereit gestelltem Akku. Ich kann rücksichtslos in den starken Fahrstufen fahren, Anstieg um Anstieg hinaufsprinten, ohne mir um die Energieversorgung Gedanken zu machen. Das hat zwei Effekte: Ich fahre so bewusst und betont Trails wie selten auf dem klassischen Mountainbike. Transferstücke, Schotteranstiege, all die Passagen, die man als Biker notgedrungen in Kauf nimmt, um schließlich ins Trail-Vergnügen einzusteigen: Diese Abschnitte bewältige ich in kürzerer Zeit, mit höherer Geschwindigkeit und eigenem fahrtechnischem Reiz. Die Genusspassagen, die klassischen Spaßbringer, stehen im Vordergrund.

Doch gleichzeitig wird mir bewusst, wie abhängig ich von der externen Versorgung bin. Ich ziehe natürlich einigen Mitfahrern davon, und wären wir in einem seriösen Rennen, müsste spätestens jetzt wegen ungleichem Wettbewerb abgebrochen werden. Soll aus der Ausfahrt für E-MTBs ein richtiges Rennen entstehen, müssten klaren Vorgaben zu technischen Kenndaten und Zusatzversorgung gemacht und entsprechend kontrolliert werden.

Doch das Rando Roc Electrique ist kein Rennen, auch wenn es auf einem Race-Kurs ausgetragen wird. Dementsprechend breit gefächert ist der Fahrstil der Teilnehmer. Vorn wird gesprintet, der Motor getestet, die Geschwindigkeit genossen. Weiter hinten geht es gemütlicher zu, und der sportliche Ehrgeiz weicht dem Vergnügen an der Bewegung in der Natur. Die Gründe, warum man sich hier aufs E-MTB setzt, sind relativ breit gestreut: Der eine hat eine Operation überstanden und kann den geliebten Sport weiter betreiben, der andere spürt das Alter und hält trotzdem auf den Trails mit seinen Kindern mit. Dem nächsten sind vor allem Trails wichtig, und wieder andere kommen vom Motocross. Sie können mit der unter Mountainbikern geführten Diskussion um E-MTBs rein gar nichts anfangen. Denn gegenüber ihren gewohnten Maschinen freuen sie sich über das geringe Gewicht, den ruhigen Antrieb und die Spurenlosigkeit, mit der sie jetzt durchs Gelände fahren können. Sie entdecken völlig neue Trails, auf denen ihre angestammten Maschinen verboten sind.

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Laurent Luillier, 52
Fährt seit sieben Jahren mit gleichem Helm beim Roc d’Azur, da er damit noch nie gestürzt ist. Vergangenes Jahr stieg er aufs E-MTB um, da er an Krebs erkrankt war. Blöde Sprüche kontert er mit: "Nimm meine Krankheit, mein Rad und dann versuch hinterherzukommen."

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Gaetan Moulin, 29 (rechts)
Ist ursprünglich Motocross-Fahrer, der das E-MTB jetzt für sich entdeckt hat. Denn "das macht weniger Lärm, es gibt weniger Konflikte mit Wanderern, es bringt mich wieder zum Radfahren – und es macht überhaupt insgesamt mehr Spaß."

Beim Rando Roc Electrique geht es nun in mehreren Abfahrten zur Küste hinunter, über ein paar Dorfstraßen und kleine Trails landen wir schließlich an einem kleinen, verwinkelten Uferweg, der teilweise auf Treppen über der Mittelmeerbrandung entlangführt. Hier ist Wendigkeit gefragt, die Stufen sind mit dem E-MTB eine Herausforderung und die Biker ohne Motor an dieser Stelle im Vorteil. Doch schon hinter der nächsten Kurve wird es wieder interessant für das Motorgefährt mit Muskelkraftsteuerung: Der Kurs verläuft direkt entlang eines Strandabschnitts, und von einem Freisitz beobachten Zuschauer, wie sich Biker um Biker in dem Sandfeld vor ihnen ausbremsen lässt. Die E-Mountainbiker wiederum haben gute Chancen, hier zu bestehen und ohne abzusteigen durchzukommen. Danach sind es nur ein paar Minuten im Flachen, bis die Runde durch die Küstenlandschaft bei Fréjus beendet ist. Im Ziel bekommt jeder einen kleinen Becher Bier gereicht, und man stößt an: jeder mit jedem, Mountainbiker mit und ohne Motor.

Seit drei Jahren fahren E-Mountainbikes beim Roc d’Azur, und das extra geschaffene Rando Roc Electrique fand bisher zweimal statt. Nach Veranstalterauskunft besteht sowohl von Seiten der Industrie als auch von den Sportlern eine deutliche Nachfrage. Soll aus der Ausfahrt auf der Race-Strecke ein richtiges Rennen werden, braucht es allerdings noch einige Regeln, Übereinkünfte und Kontrollen. Wenn man sich hier einigen kann, könnten Rennen mit besonderem Schwerpunkt entstehen: für ausgesprochene Trail-Freunde und für Menschen, die an klassisch unmotorisierten Rennen nicht teilnehmen können. Oder wollen.

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Arnaud Lesque, 53
Fährt seit 10 Jahren E-Bike, vor allem auch auf dem Weg zur Arbeit. Seit fünf Jahren fährt er im Gelände, hat schon einen E-Alpencross bestritten und meint: "Vor ein paar Jahren waren die Leute noch sauer, wenn ich sie überholt habe. Bald wird das einfach normal sein. Radfahren macht mir jetzt wieder Spaß."

Gerolf Meyer am 11.01.2017